Claude Turmes bei der Vorstellung des Projektes "Nogemerhaff"

Claude Turmes bei der Vorstellung des Projektes
©ANF

 

Das neue Naturschutzgesetz

Das wirtschaftliche und demographische Wachstum Luxemburgs geht nicht ungeachtet an den natürlichen Ressourcen und der Biodiversität vorbei. Trotz Bemühungen zur Vermeidung und Minderung von Naturzerstörungen  bei  öffentlichen und privaten  Bauprojekten, wird es auch in Zukunft kaum zu vermeiden sein, dass sogar geschützte Biotope und Lebensräume den Baggern weichen müssen. Um dem entgegenzusteuern, hat der Gesetzgeber die Pflicht der Kompensation eingeführt. Demnach müssen Naturelemente, die nach Artikel 17 des Naturschutzgesetzes als schützenswert gelten, im Fall einer Zerstörung an anderer Stelle wieder hergestellt werden.

Mit dem Inkrafttreten des neuen Naturschutzgesetzes vom 18. Juli 2018 hat sich die Rechtsgrundlage der Kompensation grundlegend geändert:

Die Schaffung einer rechtlichen Basis für öffentlichen Flächenpools

Ein Flächenpool ist eine Sammlung von potentiellen Kompensationsflächen, auf denen zukünftige Biotopzerstörungen durch Naturschutzmaßnahmen kompensiert werden. Auf nationaler Ebene wird der Flächenpool von der Natur-und Forstverwaltung betreut. Die auf diesen Flächen durchgeführten  Maßnahmen werden über ein nationales Register verwaltet und zukünftigen Bauprojekten, gegen Zahlung einer Rückerstattungssteuer, zugeteilt. Die Höhe dieser Steuer ist abhängig von der Art und dem Ausmaß der Eingriffe.

Die Einführung eines Ökopunktesystems, das die Erfassung und Quantifizierung der Eingriffe und deren Kompensationsbedarfs vereinheitlicht.

Das System bewertet jegliche Art von Biotopen und Habitaten, aber auch vom Menschen geschaffene Flächennutzungen, mit einem individuellen Punktewert pro m2. Je seltener ein Biotop und je schwieriger seine Wiederherstellung, je höher ist sein Ökopunktewert. Durch eine „vorher/nachher“ Bilanzierung eines Bauprojektes kann durch das neue Punktesystem der Kompensationsbedarf auf eine harmonisierte und nachvollziehbare Art und Weise quantifiziert werden.

Ein nationales Register für die Buchführung  und den Handel von Ökopunkten.

Ökobilanzierungen von Kompensationsprojekten sowie von Bauvorhaben werden in Zukunft in ein nationales Register eingetragen. Das Register übernimmt die Funktion eines Sparkontos, wo Ökopunkte  der Flächenpools angehäuft werden und späterhin zur Kompensierung von Bauprojekten wieder abgebucht werden können.

Im Vergleich zu dem vorherigen Kompensationssystem hat das neue, von der öffentlichen Hand geführte  Modell folgende Vorteile:

  • Kompensationsmaßnahmen werden in Zukunft von Fachleuten in öffentlichen Naturschutzbehörden geplant, umgesetzt und gepflegt.
  • Kompensationsmaßnahmen können gebündelt auf gezielten Flächen vorgenommen werden und nicht weit verstreut im Raum erfolgen. Das kommt insbesondere der Herstellung von Trittsteinbiotopen und Pufferflächen zur Vernetzung von Natura 2000 Gebieten zugute.  Die Zusammenlegung unterschiedlicher Kompensationsmaßnahmen kann die ökologische Wirksamkeit von Kompensationsmaßnahmen erheblich verbessern.
  • Flächenpoolbetreiber können beim Einkauf von geeigneten Kompensationsflächen unter weniger Zeitdruck und gezielter vorgehen. Da gleichzeitig die Anzahl von interessierten Käufern  dieser Flächen sinkt, ist damit zu rechnen dass der Spekulationsdruck auf landwirtschaftlichen Flächen abnimmt. 
  • Flächenpools beschleunigen den Planungsprozess, da nicht erst Flächen für Kompensation gesucht werden müssen bevor gebaut werden kann.
  • Flächenpools ermöglichen eine langfristige Entwicklung der Natur, die nicht erst mit dem Zeitpunkt von Eigriffen in die Natur beginnt, sondern schon lange vorher eingesetzt hat.

 

Das Projekt Nogemerhaff

Das Projekt "Nogemerhaff" ist das erste Großprojekt des nationalen Flächenpools. Nach dem Kauf dieses Areals von rund 50 ha durch den Staat, wurde zusammen mit dem Bewirtschafter der Flächen ein Konzept der ökologischen Restaurierung und Bewirtschaftung aufgestellt. Dieses Konzept beinhaltet:

  • die Umwandlung von Ackerflächen in extensive Weiden und Wiesen;
  • die Strukturierung der Landschaft durch Pflanzungen von Hecken, Bäumen und Streuobstwiesen;
  • die Wiederherstellung von Feuchtbiotopen durch die Entnahme von Drainagen;
  • die betriebliche Umstellung des landwirtschaftlichen Betriebes auf eine extensive Tierhaltung mit Angus Rindern.

Diese Kompensationsmaßnahmen wurden zum größten Teil  2017 und 2018 umgesetzt und generierten bereits zirka 4,7 Millionen Ökopunkte.

Betriebliche Umstellung des Nogemerhaffes

Die Renaturierungsarbeiten auf den Flächen des Nogemerhaffes und vor allem die Bewirtschaftung der neu geschaffenen Biotope setzten eine Umstellung des landwirtschaftlichen Betriebes vor Ort voraus. Der Verlust an Ackerflächen und die extensive Bewirtschaftung des Grünlandes erwiesen sich als nicht vereinbar mit der vorherigen intensiven Milchproduktion des Betriebes vor dem Kauf des Hofes durch den Staat.

In einer gemeinsamen Analyse des Ist-Zustandes und der Entwicklungsmöglichkeiten des Betriebes, haben sich der Bewirtschafter und die Naturverwaltung auf ein neues betriebliches Konzept des Nogemerhaffes einigen können. Nach Einstellung der Milcherzeugung 2017, wird der neue Betrieb auf zwei Standbeine gesetzt:

  1. Ganzjahresbeweidung mit Angus Rindern
  2. Muttertierhaltung mit Sommerbeweidung und winterlicher Einstallung

Mittelfristig wird dieses Betriebsmodell auf zusätzliche Flächen ausgedehnt werden, um den Umsatz und die Einnahmen des Betriebes auf Dauer zu sichern.

Bau eines neuen Stalles nach ökologischen Prinzipien

Ganzjahresbeweidung und Muttertierhaltung setzen voraus, dass die bestehenden Infrastrukturen umgebaut, beziehungsweise ausgebaut werden müssen. Die Naturverwaltung hat diesbezüglich, in Zusammenarbeit mit dem Betriebsleiter und  dem "Institut fir biologësch Landwirtschaft an Agrarkultur Luxemburg (IBLA)“, den Bau eines neuen Kuhstalles mit Mehrzweckhalle, eingeleitet.

Die Bauweise des Stalles passt sich den Kriterien der biologischen Landwirtschaft an und wird zudem ganz aus Holz gebaut. Gründächer, erneuerbare Energien und ein ökologisches Regen- und Abwassermanagement sind ebenfalls integrale Bestandteile dieses Projektes.

Biologisches Obst und Gemüse für die Region

In enger Zusammenarbeit mit dem Lycée Technique Agricole (LTA) wurde 2018 beschlossen, rund 4 Hektar des Nogemerhaffes einem ökologischen Gartenbaubetrieb zu widmen. Dieser Betrieb wird von einem Absolventen des LTA aufgebaut und geführt, und strebt die Belieferung regionaler Großküchen mit biologischem Obst und Gemüse an. Langfristig ist geplant, dass der Kompensationshof, der Gärtnereibetrieb und die Naturverwaltung in den ehemaligen Gebäulichkeiten des Nogemerhaffes als Demonstrations- und Bildungshof dienen. Hier sollen Erfolgsmethoden (best practices) aus Land- und Forstwirtschaft, sowie Gemüseanbau in Bezug auf Natur- und Wasserschutz erlebbar gemacht und vorgestellt werden.

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