Mehr als Medaillen

Interview mit Martine Hansen in der Revue

Interview: Revue (Eric Hamus)

 

Revue: Bewegen sich die Luxemburger genug?

Martine Hansen: Einzelne bestimmt nicht. Diese Frage kann man also nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Es gibt viele Menschen in Luxemburg, die einen aktiven Lebensstil haben - sei es im Verein, im Alltag oder bei Freizeitaktivitäten. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass noch immer ein großer Teil der Bevölkerung nicht ausreichend körperlich aktiv ist.

Revue: Was hat Sie motiviert, das Sport-Ressort zu übernehmen?

Martine Hansen: Ehrlich gesagt hätte ich mir gewünscht, dieses Ressort nicht übernehmen zu müssen. Nicht, weil ich nicht bereit oder motiviert wäre, sondern weil die Entscheidung aus einer Situation heraus entstanden ist, die man sich wirklich nicht wünscht. Gleichzeitig habe ich die Verantwortung übernommen, weil ich fest an die Fortschritte glaube, die Georges Mischo in den letzten zwei Jahren im Sportministerium angestoßen und umgesetzt hat - sei es im Bereich der Subventionsreform, der Integrität im Sport, der Professionalisierung des Sektors oder der Förderung des Ehrenamts. Und vor allem auch, weil ich den Sport liebe.

Revue: Was haben Sie sich konkret für das Sportressort vorgenommen?

Martine Hansen: Ich habe mir vorgenommen - und das entspricht auch meiner Art zu arbeiten -, konsequent auf den Dialog zu setzen: mit dem COSL, den Verbänden und der gesamten Sportbewegung. Meine Philosophie basiert demnach auf einer konstruktiven und nachhaltigen Zusammenarbeit, auf dem Miteinander. Ich möchte sowohl den Leistungssport als auch den Breitensport in den Mittelpunkt der Anstrengungen und Unterstützungsmaßnahmen stellen. Es geht mir darum, Talente gezielt zu fördern, unsere Verbände und ihre Vereine zu stärken, um die Qualität und die Quantität unseres Sportangebots weiter auszubauen und den Sport für alle noch zugänglicher und attraktiver zu machen - unabhängig von Alter, Geschlecht oder Leistungsniveau.

Revue: Wie wollen Sie das erreichen?

Martine Hansen: Priorität hat zunächst die Reform unserer Subventionen für die Vereine; das ist eins der wichtigsten Instrumente dieser Legislaturperiode. Hier müssen wir einen klaren Rahmen für den Sektor schaffen. Das Kernstück davon ist die Reform der Subvention Subvention+. Ziel ist es, den Gesetzentwurf im Frühjahr einreichen zu können. Darüber hinaus arbeiten wir aber auch intensiv an den Bereichen Integrität und Safeguarding. Die ALAD wird in diesem Rahmen zusätzliche Aufgaben erhalten und zur ALIS werden, der "Association Luxem bourgeoise pour l'lntégrité dans le Sport".

Revue: Welche Ziele verfolgen Sie darüber hinaus?

Martine Hansen: Wir haben ein gut gefülltes Koalitionsprogramm, das es umzusetzen gilt. Allgemein kann man sagen, dass es darum geht, ein Umfeld zu schaffen, das die Menschen auf den verschiedenen Ebenen für Bewegung und Sport begeistert und es ihnen so einfach wie möglich macht, das für sie Richtige im Bereich Sport und Bewegung zu finden und dies auch aus üben zu können.

Revue: Leider sehen wir bei Kindern eine Kluft, die immer größer wird: Viele Kinder werden von zu Hause aus unterstützt, andere aber nicht...

Martine Hansen: Das ist ein äußerst wichtiger Punkt. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um Kinder wieder stärker zur Bewegung zu bringen. Gemeinsam mit dem Bildungsministerium haben wir bereits eine ganze Reihe von Initiativen auf den Weg gebracht, um Kinder möglichst früh für den Sport zu begeistern - sei es der "Beweegungsdag", der traditionelle "Wibbel an Dribbel", das "Fundamentals Team Lëtzebuerg" oder die "Nuit du Sport". Darüber hinaus wurde 2025 auch das Pilotprojekt "Sportkompass" lanciert, bei dem es darum geht, Kinder mittels Sporttests und eines Fragebogens in der Schule bereits in eine mögliche sportliche Richtung zu orientieren. Wir starten außerdem ein Projekt, bei dem wir den Gemeinden helfen, ihre Vereine zu unterstützen, wenn diese mit den Empfangsstrukturen zusammenarbeiten, wie den Maisons relais. Ziel ist es, die Vereine über die Gemeinden zu stärken und den regelmäßigen Zugang der Kinder zu Sport und Bewegung zu fördern. Zusätzlich ist es wichtig, dass wir landesweit über ausreichend Sportinfrastrukturen verfügen, um überhaupt erst die Möglichkeit zu schaffen, Sport zu treiben. Aktuell unterstützen wir die Gemeinden in diesem Bereich über unseren Fünfjahresplan; wir arbeiten jedoch an einer Reform, damit wir künftig flexibler und direkter reagieren können, wenn eine Gemeinde an uns herantritt.

Revue: Junge Talente müssen sich irgendwann für oder gegen den Hochleistungssport entscheiden. Früher fehlten oft Perspektiven, heute kann man in Luxemburg vom Profisport leben. Wie lässt sich darauf aufbauen?

Martine Hansen: Unsere Sportlandschaft entwickelt sich kontinuierlich weiter, um den Hochleistungssport in Luxemburg immer professioneller aufzustellen und Athlet:innen in allen Phasen ihrer Karriere gezielt zu begleiten. Das beginnt bereits in der Schule, insbesondere im Sport lycée, wo Schule, Training und individuelle Betreuung optimal aufeinander abgestimmt werden können. Darüber hinaus profitieren sie von modernster Infrastruktur und State of-the-Art-Technologien, unter anderem in der Coque, im "High Performance Training Center" und in der Sportfabrik, die eine wissenschaftlich fundierte und personalisierte Leistungsentwicklung ermöglichen. Zusätzlich sorgen die Betreuung durch das COSL, das "Luxembourg Institute for High Performance in Sports" (LIHPS) sowie die Armee dafür, dass Athlet:innen nicht nur sportlich, sondern auch auf mentaler, medizinischer und beruflicher Ebene begleitet werden. All das zeigt, dass wir uns stetig weiterentwickeln, um auf das Potenzial unserer Hochleistungsathletinnen und -athleten aufzubauen und ihnen eine realistische Perspektive zu bieten, um in Luxemburg den Weg in den Profisport einzuschlagen.

Revue: Hat der Sport in der Schule noch den richtigen Stellenwert?

Martine Hansen: Ich freue mich selbstverständlich sehr über die zusätzlichen Stunden Schulsport, die zur Rentrée für bestimmte Klassen hinzugekommen sind. Gleichzeitig ist es mir aber auch wichtig, dass wir den Fokus nicht nur auf den Schulsport legen, sondern auch Sport und Bewegung außerhalb der Schule fördern. Es ist enorm wichtig, dass Kinder und Jugendliche sich wieder mehr bewegen, und das wollen wir auf allen Ebenen unterstützen. Ich glaube nicht, dass allein eine zusätzliche Stunde das Problem lösen wird.

Revue: Und welche Projekte gibt es, um den Sport bei älteren Menschen zu fördern?

Martine Hansen: Viele Sportvereine bieten bereits alters- und niveaugerechte Angebote an, die es auch älteren Menschen ermöglichen, entsprechend ihren Fähigkeiten aktiv zu bleiben. Mit der Reform der Subvention Qualité + werden wir die Vereine künftig auch über den Jugendbereich hinaus unterstützen, um Angebote für Menschen mittleren Alters sowie für Seniorinnen und Senioren auszubauen. Parallel dazu entwickelt das INAPS eine Ausbildung "Moniteur Sportif - Fit for Life", um gezielt Kompetenzen in diesem Be reich zu stärken. Ergänzend gibt es auf kommunaler Ebene Initiativen für alle Altersgruppen, bei denen Sportkoordinatorinnen und -koordinatoren gemeinsam mit den Vereinen angepasste und zugängliche Bewegungsangebote fördern.

Revue: Luxemburg ist im Sport kein Nobody mehr. Und dennoch warten wir seit fast 75 Jahren auf eine olympische Goldmedaille. Geht da noch etwas?

Martine Hansen: Man sollte niemals nie sagen. In den vergangenen Jahren waren wir bereits einige Male ganz nah dran. Der Hochleistungssport entwickelt sich, wie gesagt, im Großherzogtum kontinuier lich weiter, und auch die Leistungen unserer Athlet:innen auf internationaler Ebene werden immer besser. Ich freue mich daher darauf, zu sehen, was bei den kommenden Spielen noch alles möglich sein wird.

Revue: Viele unserer Top-Athletinnen sind Frauen. In den Hallen und beim Publikum spiegelt sich das aber nicht unbedingt wider. Wie kann man den Stellenwert des Frauensports fördern?

Martine Hansen: In den vergangenen Jahren wurden im Frauensport bereits viele wichtige Fortschritte erzielt. Das zeigt sich auch ganz konkret an der Anerkennung, die unsere Sportlerinnen erhalten: Im vergangenen Jahr wurde die Damen-Basketball Nationalmannschaft von der Sportpresse zur Mannschaft des Jahres gewählt, in diesem Jahr waren es die Damen im Fußball. Das zeigt, dass die Leistungen von Frauen zunehmend in den Mittelpunkt rücken und entsprechend mehr Unterstützung erfahren. Gleichzeitig spielen Initiativen wie der Internationale Tag der Frauen im Sport eine sehr wichtige Rolle, um die Sichtbarkeit des Frauensports zu erhöhen und Vorbilder für kommende Generationen zu stärken. Und wir arbeiten eng mit dem Gleichstellungsministerium an gezielten Kommunikationskampagnen, um das Thema Gleichstellung im Sport stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Um den Stellenwert des Frauensports weiter zu stärken, ist es wichtig, Wettbewerbe gezielter zu bewerben und dem Publikum zu zeigen, dass Frauensport für Quali tät, Emotionen und ein hohes sportliches Niveau steht. Das ist ein langfristiger Prozess, aber wir sind auf einem guten Weg.

Revue: Allgemein fehlt es nicht an Nachwuchs, sondern vielmehr an Coaches und Ehrenamtlichen?

Martine Hansen: Wir müssen auf zwei ineinandergreifenden Ebenen ansetzen. Zum einen beim Ehrenamt, dem Herzstück unserer Sportlandschaft, das seit einigen Jahren rückläufig ist und viele Ver eine stark belastet. Das INAPS hat deshalb den Aktionsplan "Gamechangers - Fir e staarke Benevolat am Sport" lanciert, um Vereine bei der Betreuung von Ehrenamtlichen zu unterstützen und das Ehrenamt aufzuwerten. Dazu gehören ein Leitfaden zur Ehrenamtskoordination sowie landesweite Gespräche mit Gemeinden und Vereinen, um Probleme zu erfassen und konkrete Lösungsansätze zu entwickeln. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch Instrumente wie der "Congé sportif", von dem Vereins- oder Verbandsmitglieder im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements profitieren können. Gleichzeitig brauchen die Vereine trotz der Ehrenamtskrise professionelle Unterstützung - das ist die zweite Ebene. Mit der reformierten Subvention Qualité + wollen wir es ihnen ermöglichen, professionelle Coaches sowie administratives Fachpersonal einzustellen.

Revue: Welche beruflichen Perspektiven bietet in dieser Hinsicht das Sportlycée jenseits der Profikarriere?

Martine Hansen: Die Entwicklung von Berufen im Sport ist tat sächlich im Koalitionsabkommen vorgesehen. In diesem Zusammenhang spielt die Zusammenarbeit mit den Bildungsbehörden eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit dem Sportlycée arbeitet das INAPS derzeit an der Ausarbeitung eines Curriculums für einen BTS in Sportmanagement und Sportcoaching, die beide im September 2027 starten sollen. Das ist eine sehr wichtige Initiative, damit Verbände und Vereine künftig die notwendigen Profile auf dem Arbeitsmarkt finden, um sie einstellen zu können.

Revue: In diesem Zusammenhang steht auch die "Initiative pour la promotion de l'emploi dans le secteur du sport", kurz IPESS. Werden Sie nach der Kritik des COSL noch einmal den Dialog suchen?

Martine Hansen: Ein konstruktiver Dialog und ein regelmäßiger Austausch mit dem COSL sind mir sehr wich tig. In diesem Rahmen werde ich mir auch die Bedenken in Bezug auf das Projekt noch einma anhören. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass diese neue öffentliche Einrichtung in Kombination mit dem Projekt Qualité + unseren Vereinen wesentlich helfen wird. IPESS ist ein wichtiger Bestandteil unserer Sportpolitik für die kommenden Jahre. Im Koalitionsabkommen ist vorgesehen, eine Struktur zu schaffen, die qualifizierte personelle Ressourcen für den Sportsektor bereitstellt und Dienstleistungen anbietet, die der Sektor für seine Weiterentwicklung benötigt. Durch diese zentrale Struktur verbessern wir die Services und sparen Ressourcen, da nicht jede Föderation Logistik und Verwaltung separat aufbauen muss.

Revue: Bekommt Luxemburg in den kommenden Jahren ein Sportmuseum?

Martine Hansen: Das ist eine Frage, die derzeit schwer zu beantworten ist.

Revue: Sie gelten als sportlich aktiv und gehen als Ministerin mit gutem Beispiel voran. Welche Sportarten treiben Sie regelmäßig - und warum?

Martine Hansen: Sport und Bewegung gehören für mich einfach dazu. Ich war nie in einem Verein, das hat sich leider nie ergeben. Aber ich habe mich immer bewegt. Früher bin ich regelmäßig Marathons gelaufen, doch seit einigen Jahren habe ich Probleme mit einem Bein, sodass ich heute einfach aus Freude an der Bewegung laufen gehe - am liebsten etwas bergauf, bergab durch den Wald. Wenn ich Zeit habe und das Wetter es zulässt, fahre ich aber auch sehr gerne Fahrrad. Im Sommer versuche ich immer, einen kurzen Radurlaub zu machen. Ich versuche, den Sport so gut wie möglich in den Alltag einzubauen. Das gelingt natürlich nicht immer - aber vieles ist möglich. Sport hilft, den Kopf freizubekommen, Probleme zu lösen, Sauerstoff zu tanken. Ohne Bewegung fehlt mir definitiv etwas. Das ist auch eine Botschaft, die ich allen mit auf den Weg geben möchte: Bewegt euch, treibt Sport, fühlt euch gut!

Revue: Gibt es eine Sportart, die Sie gern ausüben würden, zu der Sie aber aus bestimmten Gründen nicht regelmäßig kommen?

Martine Hansen: Ganz sicher das Radfahren - dafür fehlt mir, wie gesagt, oft einfach die Zeit, und auch das Wetter lässt es nicht immer zu. Darüber hinaus würde ich auch gern Windsurfen. 

Regierungsmitglied

HANSEN Martine

Organisation

Ministerium für Sport

Thema

Sport