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Zwischen Klicks und Konflikten
Interview mit Claude Meisch in der RevueInterview: Revue (Eric Hanus)
Revue: Sie haben gerade erst eine Kampagne zum verantwortungsvollen Umgang Jugendlicher mit Chatbots lanciert und in Kürze soll ein Aktionsplan gegen Gewalt an den Schulen folgen. Es scheint, als gebe es aktuell eine Menge zu tun?
Claude Meisch: Wir sind gefordert, das stimmt. Man hat das Gefühl, dass die vielen gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen es jungen Menschen nicht leichter machen, ihr Leben in den Griff zu bekommen, selbstständig zu werden und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Vielen geht es nicht gut. Das sagt nicht der Minister über sie - das sagen sie selbst.
Revue:Wenn ich mit Jugendlichen spreche, höre ich oft: "Uns geht es nicht mehr gut." Und was sagen Sie dazu?
Claude Meisch: Ob die Jugendlichen die Ursachen immer richtig einordnen, bezweifle ich manchmal. Trotz dem müssen wir das ernst nehmen und den Gründen nachgehen. Der Lebensrhythmus hat sich verändert: weniger draußen, weniger direkter Kontakt, dafür mehr Austausch über soziale Medien. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, kann aber problematisch werden, wenn es zu einseitig ist. Jetzt mischt auch noch die KI mit, die gerade für Jugendliche emotional eine Rolle spielt. Deshalb haben wir Kampagnen und Initiativen gestartet - von der Screen-Life-Balance bis zu "AI is not human".
Revue:Die Entwicklungen überschlagen sich und ständig kommt Neues dazu. Viele Jugendliche kommen da kaum noch hinterher. Wie ist das dann erst bei uns Erwachsenen?
Claude Meisch: Ich hatte zwei Schlüsselmomente. Der erste war eine Diskussion mit den Direktoren der Kompetenzzentren für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Ich habe sie im Rahmen eines breiten Dialogprozesses gefragt, wieso es ihrer Meinung nach immer mehr junge Menschen mit spezifischen Problemen gibt, denen es nicht gut geht. Für sie war die Antwort klar: Kinder verbringen in jungen Jahren zu viel Zeit vor dem Bildschirm. Dabei geraten viele wichtige Entwicklungen des Gehirns und der Persönlichkeit ins Stocken. Das ist nachvollziehbar: Das Kind spricht weniger, entdeckt die Welt nicht, bewegt sich zu wenig - all das fehlt.
Revue:Und der zweite Schlüsselmoment?
Claude Meisch: Das war im Rahmen eines Pilotprojekts einer Schule mit der "Autorité luxembourgeoise indépendante de l'audiovisuel" und einem Krankenhaus. Dabei wurde gemessen, wie viele Stunden pro Woche Jugendliche am Handy verbringen. 4 Selbst in einer atypischen Ferienwoche lag die Nutzung bei Schülern der oberen Klassen im Schnitt bei sechs Stunden täglich, mit Spitzen von bis zu 13 Stunden. Dafür braucht es keine Studien: Wer so viel Zeit nur mit einer Aktivität verbringt, verliert das Gleichgewicht. Genau des halb rücken wir das Thema Screen-Life-Balance stärker in den Fokus. Smartphones sind hilfreich - aber es braucht auch direkte Kontakte, Bewegung und Kreativität. Entsprechend haben wir in und außerhalb der Schule Initiativen gestartet.
Revue: Viele Beobachter befürchten, dass Kinder und Jugendliche durch den intensiven Einsatz von KI kreatives Denken verlernen und sich weniger eigenständig mit Aufgaben auseinandersetzen. Teilen Sie diese Sorge?
Claude Meisch: Meine größte Sorge im Zusammenhang mit KI und Schule ist eigentlich, dass Kinder bei falschem Einsatz von KI dumm bleiben. Ein Kind, das nicht lernt, einen Text selbst zu schreiben, das den kognitiven Aufwand nicht leistet, sich nicht anstrengt und nicht darum ringt, einen guten Text zu formulieren, wird das nie richtig lernen. Das Gehirn ist wie ein Muskel: Wird es nicht trainiert, verkümmert es. Wenn ein Kind weiß, dass es mit KI immer einen besseren Text bekommt, als es selbst schreiben könnte, greift es nur noch darauf zurück — und schreibt nicht mehr selbst. Das geht schief.
Revue:Wie wollen Sie dem entgegenwirken?
Claude Meisch: Wir haben mit dem KI-Kompass eine erste Orientierung für den Einsatz von KI in Schulen geschaffen. Gerade am Anfang, in der Grund schule, soll es eine Phase geben, in der bewusst ohne KI gelernt wird, damit grundlegende Kompetenzen aufgebaut werden. Danach, zu Beginn des Lycée, sollen die Schüler zunächst verstehen, wie KI funktioniert — also was sie ist, wie sie arbeitet, welche Chancen sie bietet, aber auch welche Risiken sie birgt. Erst in den oberen Klassen soll die KI dann gezielt genutzt werden, um das, was man selbst gelernt hat, weiter zu vertiefen.
Revue: Themenwechsel: Zuletzt haben mehrere Vorfälle mit gewalttätigen Auseinandersetzungen und Vandalismus unter Jugendlichen für Schlagzeilen gesorgt. Auch Eltern und Lehrkräfte berichten zunehmend von Zwischenfällen. Wie beurteilen Sie die Lage? Haben wir ein wachsendes Problem?
Claude Meisch: Ja. Natürlich gab es schon immer Rangeleien auf dem Schulhof. Aber ich habe den Eindruck, dass Gewalt heute stärker banalisiert wird - auch durch soziale Medien. Sie wird inszeniert, gefilmt und verbreitet, und die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen zunehmend. In Videos, die online zirkulieren, ist oft gar nicht mehr klar, wer welche Rolle einnimmt. Manche akzeptieren heute, Opfer zu sein, weil sie wissen, dass sie morgen vielleicht selbst Täter sind. Diese Entwicklung bereitet mir Sorgen. Problematisch ist auch das Verhalten der Umstehenden: Früher wurde eher eingegriffen, heute wird gefilmt und gepostet — oft, um Aufmerksamkeit und Klicks zu bekommen. Das zeigt einen Mangel an Empathie und an Grenzen, die eigentlich nicht überschritten werden sollten.
Revue: Sie haben einen Aktionsplan gegen Gewalt in der Schule angekündigt. Sie werden die Maßnahmen sicherlich noch im Detail vorstellen, aber können Sie uns an dieser Stelle verraten, in welche Richtung es gehen soll?
Claude Meisch: Wir stellen fest, dass es bereits in der Grund schule Schüler gibt, deren Benehmen ein soziales Miteinander und auch das Lernen erschwert oder unmöglich macht. Deshalb haben wir nach einem breiten Austausch mit Eltern, Schulleitungen und Lehrkräften verschiedene Initiativen gestartet und müssen hier zum Teil neue Wege gehen. Es gibt Situationen, in denen einzelne Schüler nicht mehr im regulären Klassenverband betreut werden können, weil sie auch eine Gefahr für andere darstellen. Mehr Personal allein ist dabei keine Lösung. Im Mittelpunkt steht immer ein Kind in einer schwierigen Lage. Gewalt ist keine Option, aber wir müssen den dahinterliegenden Konflikt verstehen und das Kind gezielter unterstützen.
Geplant sind zusätzliche Ressourcen und spezialisierte Angebote, die vor allem die sozio-emotionalen Kompetenzen stärken - auch wenn schulische Inhalte zunächst in den Hintergrund treten. Ziel ist, dass die Kinder ihren Platz in der Gruppe finden und sich danach wieder im Schulalltag entwickeln können.
Revue: Ein anderes Problem sind die sogenannten Challenges - Herausforderungen sozusagen, die über die sozialen Medien verbreitet werden, damit sich die meist jugendlichen User dabei filmen. Sind auch in dieser Hinsicht Kampagnen geplant?
Claude Meisch: Wir führen laufend Sensibilisierungskampagnen durch, etwa zu Gewaltvideos. Gemeinsam mit Staatsanwaltschaft und Polizei haben wir die Kampagne "Not sharing is caring" gestartet: Wer Gewalttaten filmt und verbreitet, macht sich strafbar — vielen Jugendlichen ist das nicht bewusst. "AI is not human" geht in eine ähnliche Richtung. KI wirkt verständnisvoll, doch sie ist kein Mensch. Wer Probleme hat, sollte mit Menschen sprechen. Das gilt auch für Eltern: Sie müssen präsent sein, zuhören und sich Zeit nehmen - sonst übernimmt die KI, und das ist der falsche Ansprechpartner.
Revue: Auch Vandalismus scheint zuzunehmen, wie man aus vielen Schulen hört. Ist das wirklich ein wachsendes Problem?
Claude Meisch: Nun ja, eigentlich hat es solche Vorfälle schon immer gegeben - auch aus meiner Zeit als Bü germeister. Nehmen wir den Vorfall in Roodt-Syre: Gerade in den Ferien, bei gutem Wetter, wenn Jugendliche länger draußen unterwegs sind, entstehen Situationen, in denen "aus Langeweile" Dummheiten passieren. Das ist nichts Neues - aber natürlich nicht zu tolerieren. Neu ist die Rolle von Smartphones und sozialen Medien. Sie ermöglichen es, Gewalt zu inszenieren und zu verbreiten - und das wird stark genutzt. Deshalb verstehen wir Schule heute nicht mehr nur als physischen Ort: Die Schulgemeinschaft existiert auch im virtuellen Raum. Wenn sich Schüler online zu Gewalt verabreden - auch außerhalb des Schulgeländes -, müssen Schule und Dienste wie der "Service psycho-social et d'accompagnement scolaires" eingreifen. Früher endete die Zuständigkeit am Schultor, heute nicht mehr.
Der "Service psycho-social et d'accompagnement scolaires", kurz Sepas, hat unter Schülern nicht den allerbesten Ruf. Der Dienst sei zu eng mit dem Schulsystem und den zuständigen Autoritäten verbunden. Teilen Sie diese Einschätzung? Dieser Vorwurf ist mir bekannt. Viele Jugendliche haben mir das auch schon gesagt. Das ist schade, denn eigentlich sollte klar sein: Was ein junger Mensch den Mitarbeitern im Sepas anvertraut, muss vertraulich bleiben und darf nicht einfach an Lehrkräfte oder die Direktion weitergegeben werden. Sonst wäre ihre Arbeit gar nicht möglich. Ich weiß, dass das auch so gehandhabt wird. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass es von den Schülern anders empfunden und erlebt wird.
Revue: Nun gibt es aber auch Fälle, bei denen den Mitarbeitern die Hände gebunden sind...
Claude Meisch: Natürlich: Wenn es sich um einen Gesetzesverstoß handelt, muss jeder Beamte - wie jeder Bürger - handeln und die Behörden einschalten. Wenn aber ein junger Mensch zum Sepas kommt und sagt: "Mir geht es nicht gut", "Ich werde gemobbt" oder "Ich fühle mich von einem Lehrer ungerecht behandelt", dann muss das - sofern es der Wunsch des Jugendlichen ist - vertraulich behandelt werden. Das ist eine Grundvoraussetzung. Ich glaube allerdings, dass der Ruf, den der Sepas bei manchen Jugendlichen hat, nicht der Realität entspricht. Das zeigt auch die Entwicklung: Der Dienst wurde stark ausgebaut, gerade weil die Nachfrage gestiegen ist. Vertrauen ist durchaus vorhanden.
Revue: Sie nehmen die Kritik aber ernst?
Claude Meisch: Die Leitungsstelle des übergeordneten "Centre psycho-social et d'accompagnement scolaires", kurz Cepas, wird derzeit neu besetzt. In den Gesprächen mit den Kandidatinnen und Kandidaten habe ich genau diese Frage gestellt: Wie kann man mit diesem Vorwurf umgehen und das Vertrauen gegenüber dem Sepas weiter stärken. Eins ist klar: Sollte es tatsächlich Fälle geben, in denen Vertraulichkeit nicht gewahrt wird, darf das nicht sein. Vertraulichkeit ist die Grundlage jeder psycho logischen Unterstützung.
Revue: Wir haben jetzt viel über Herausforderungen gesprochen. Was macht Ihnen bei der heutigen Jugend besonders Hoffnung?
Claude Meisch: Wir dürfen kein einseitiges Bild der Jugend zeichnen - das war noch nie richtig. Ja, vielen geht es nicht gut. Aber es gibt auch bemerkenswerte Jugendliche, auf die wir die Zukunft bauen können. Wenn ich mich mit ihnen vergleiche, denke ich oft: Das hätte ich in dem Alter nicht geschafft. Sie ergreifen Initiative, treten selbstbewusst auf und sprechen in der Öffentlichkeit - oft auf hohem Niveau und in mehreren Sprachen. Davor habe ich großen Respekt. Gleichzeitig dürfen wir nicht zulassen, dass sich die Gesellschaft früh auseinanderentwickelt: Während einige Jugendliche viele Chancen haben, können andere ihr Potenzial nicht entfalten, weil sie mit Problemen kämpfen. Unser Ziel muss sein, dass jeder junge Mensch seine Talente entdecken und bestmöglich ausschöpfen kann. Die Kampagne "Al is not Human" soll junge Menschen für einen kritischen Umgang mit Chatbots sensibilisieren und auf die Grenzen künstlicher Intelligenz hinweisen. Im Zentrum steht René, eine Roboterpuppe, die als Gesicht der Kampagne die Illusion von Nähe durch KI sichtbar macht. Er tritt bei Aktionen direkt mit Jugendlichen in Kontakt und vermittelt zentrale Botschaften. Ziel ist es, klarzumachen: KI kann unterstützen, ersetzt aber keine menschlichen Beziehungen.