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"An der Grenze zur Griesgrämigkeit"
Interview mit Martine Hansen im TélécranInterview: Télécran (Sarah München)
Télécran: Martine Hansen, Sie haben COSL auf Ihrer Hand notiert. Haben Sie mit mittlerweile drei Ministerien so viele Termine und Aufgaben, dass Sie sich die Hände vollschreiben müssen?
Martine Hansen: (lacht) Ja, sowas mache ich manchmal, damit ich es wirklich nicht vergesse.
Télécran: Und das ist eine Erinnerung an was?
Martine Hansen: Es hat nichts mit dem COSL zu tun. Es ist eine Erinnerung an einen Gesetzestext, der im Ordner des COSL liegt, den muss ich noch lesen.
Télécran: Sie sind seit dem 11. Dezember 2025 als Sportministerin im Amt. Die Ernennung erfolgte einen Tag nach ihrem 60. Geburtstag. Ein Geschenk, über das Sie sich gefreut haben?
Martine Hansen: Ich hätte es lieber nicht machen müssen. Das ist eine Situation, die keiner wollte. Aber als klar war, dass George Mischo aufhören wird, habe ich es mit Freude angenommen. Ich konnte auch nicht viel überlegen. Ich habe es gemacht, weil ich erstens Sport mag und weil ich zweitens überzeugt bin von den Sachen, die Georges Mischo schon begonnen hat. Aber ich glaube, ich habe mit den drei Ministerien Bereiche, die unterschätzt werden. Konsumentenschutz - wir sind alle Konsumenten. Jeder von uns möchte gerne essen und trinken - das ist Landwirtschaft. Und es wäre für jeder gut, wenn er mehr Sport machen würde.
Télécran: Die Menschen gehen lange arbeiten, die Kinder sind bis spät in der Schule oder der Betreuung - wie und wann soll man sich noch mehr bewegen?
Martine Hansen: Man kann beispielsweise in der Mittagspause laufen gehen. Oder im Alltag die Treppen statt den Lift nehmen. Es gibt viele Möglichkeiten.
Télécran: Und die Kinder?
Martine Hansen: Es sind vor allem die Kinder, die wir in Bewegung bringen müssen. In den Tagesstätten wird bereits daran gearbeitet. Kinder müssen sich so früh wie möglich an Sport gewöhnen, dann bleiben sie hoffentlich auch dabei.
Télécran: Wie ist es bei Ihnen? Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie griesgrämig werden, wenn Sie nicht drei- bis viermal die Woche Sport treiben. Wie griesgrämig sind Sie momentan?
Martine Hansen: An der Grenze zu Griesgrämigkeit. Die letzten zwei Wochen war es relativ eng, das muss ich an den Wochenenden nachholen. Es wird einfacher, wenn die Tage länger sind. Dann kann ich morgens schon mal ein Stück zur Arbeit laufen. Das ist momentan im Winter noch ziemlich unangenehm, weil ich durch den Wald laufe und es noch dunkel ist, wenn ich gegen 6.30 Uhr starte.
Télécran: Wie kann man sich Ihre Tage vorstellen?
Martine Hansen: Im Moment ist es immer dunkel zu Hause. Meistens stehe ich um 6 Uhr auf. Dann gehe ich mit meinem Hund spazieren. (Sie zückt ihr Handy und zeigt ein Foto eines großen Hundes im Schnee, Anm. d. R.). Vor 19.30 Uhr bin ich selten zuhause.
Télécran: Und Ihr Hund begleitet Sie bei Ihren sportlichen Ausflügen?
Martine Hansen: Das ist ein tibetanischer Hirtenhund von 70 Kilogramm. Er bewacht das Haus, aber er läuft nicht mit mir. Nach einer Stunde Spaziergang ist er müde. Aber das hier sind genau seine Temperaturen, da fühlt er sich wohl.
Télécran: Bei den Olympischen Winterspielen, die am 6. Februar starten, gehen mit Gwyneth ten Raa und Matthieu Osch auch zwei Luxemburger an den Start. Welche Chancen rechnen Sie den beiden aus?
Martine Hansen: Ich hoffe, dass Matthieu Osch seine Knieverletzung auskuriert hat und top in Form ist. Gwyneth ten Raa hat ihre Leistung gezeigt. Ich möchte jetzt nicht sagen, sie kommen unter die Ersten. Aber ich drücke ihnen sehr fest die Daumen, dass sie für sich und für Luxemburg ein gutes Resultat erzielen. Ich werde leider nicht vor Ort sein können, aber das Ganze am Fernseher verfolgen.
Télécran: Sie sind zur gleichen Zeit mit Ihrer Tochter im Skiurlaub - das hatten Sie vor Ihrer Ernennung zur Sportministerin geplant. Wohin fahren Sie, um eine Schneegarantie zu haben?
Martine Hansen: Wir fahren nach Serfaus-Fiss in Österreich. Ich bin optimistisch, dass dort Schnee liegen wird.
Télécran: Machen Sie das jedes Jahr?
Martine Hansen: Im Moment ja, weil meine Tochter in Innsbruck Architektur studiert. Sie fährt Ski, seit sie drei Jahre alt ist. Ich komme aus einer Landwirtschaftsfamilie, wir sind als Kinder nie Ski gefahren. Aber ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mit 18 Jahren in La Bresse das erste Mal auf Skiern gestanden habe - in einer Jeanshose. Unten stand ein Hund und ich hatte solche Angst, ihn zu überfahren. Aber mittlerweile fahre ich alles runter.
Télécran: Können Sie Veränderungen in den Skiorten feststellen?
Martine Hansen: Das ist ein schleichender Prozess. Wenn man es vergleicht mit der Situation vor 20 Jahren, merkt man, dass viele Gebiete weniger schneesicher sind. Diese Probleme haben alle Wintersportgebiete. Verhindern können wir das wahrscheinlich nicht.
Télécran: Denken Sie, Sie werden in zehn Jahren noch in den Skiurlaub fahren?
Martine Hansen: Ja, ich glaube schon.
Télécran: Viele Wintersportgebiete können nur noch mit energie- und kostenintensiven Schneekanonen den Betrieb aufrechterhalten. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Martine Hansen: Es ist ein trauriges Bild, wenn sich ein weißer Streifen durch das Grün zieht. Das sieht nicht nur nicht schön aus, es verbraucht auch viel Energie, sodass ich glaube, dass die Orte, die nur noch auf Kunstschnee bauen, als Wintersport-Ziele wegfallen werden.
Télécran: Die Preise für Wintersport steigen stetig. Ist es ein Sport für eine kleine Gruppe Besserverdienender geworden?
Martine Hansen: Ja, die Preise sind teilweise verrückt. Wenn die Gegenden, wo Schnee liegt, sich noch weiter reduzieren, wird es noch teurer.
Télécran: Eine Studie der Universitäten Innsbruck und Waterloo zeigt, dass bis Ende des Jahrhunderts nur noch ein einziger Ort schneesicher sein wird, und zwar Sapporo. Denken Sie, Veranstaltungen wie die Olympischen Winterspiele haben überhaupt noch eine Zukunft?
Martine Hansen: In naher Zukunft sicherlich. Es werden Einschränkungen kommen und die Vielfalt an möglichen Austragungsorten wird sich reduzieren. Doch auch das wird ein schleichender Prozess sein, an den wir uns anpassen. Aber verschiedene Sportarten werden Schwierigkeiten kriegen.
Télécran: Sport- Großveranstaltungen finden mittlerweile oft verteilt auf mehrere Orte oder Länder statt. Könnte auch Luxemburg als Austragungsort infrage kommen?
Martine Hansen: Beim Wintersport sehe ich uns nicht (lacht), aber bei anderen Sportveranstaltungen - warum nicht? Wir müssten schauen, ob wir in dem entsprechenden Bereich Sportler und entsprechende Infrastruktur haben.
Télécran: In welchem Bereich können Sie sich das vorstellen?
Martine Hansen: Dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen. Aber wir haben zum Beispiel in der Leichtathletik gute Infrastrukturen (sie deutet auf ein gerahmtes Foto der aktuell besten Luxemburger Leichtathleten, das in ihrem Büro hängt, Anm. d. R.). Aber das ist alles Zukunftsmusik.
Télécran: Sind Sie eigentlich noch oft in Kontakt mit Georges Mischo?
Martine Hansen: Ja, ich habe heut früh noch mit ihm telefoniert. Um 6.15 Uhr habe ich ihm geschrieben, ob ich ihn vor 8 Uhr anrufen könnte. Um kurz vor 7 hat er mich schon zurückgerufen.
Télécran: Um die Uhrzeit waren Sie schon hier im Ministerium?
Martine Hansen: Nein, ich war noch zuhause. Aber da denkt man ja auch schon über das ein oder andere nach.
Télécran: Was besprechen Sie bei solchen Telefonaten?
Martine Hansen: Zum Beispiel laufende Dossiers, zu denen er die Vorbereitungen gemacht hat. Ich mache mir zwar mein eigenes Bild, aber ich möchte verstehen, was dahintersteckt. Da sprechen wir uns regelmäßig. Es ist für ihn keine einfache Situation. Deswegen bin ich ihm sehr dankbar, dass er so offen ist.
Télécran: Sowohl Landwirtschaft als auch Sport sind noch immer männerdominierte Welten. Wie ist das für Sie?
Martine Hansen: Das ist kein Problem. Schon als Kind gab es in meinem Alter nur Jungs, mit denen ich Fußball gespielt habe. Und auch während meines Ackerbau Studiums waren wesentlich mehr Männer vertreten. Ich war die erste Schulleiterin der Ackerbauschule. Eigentlich weiß ich nicht, wie es anders ist.
Télécran: Das heißt, Sie können auch Fußball spielen?
Martine Hansen: Ich habe Fußball gespielt, aber das heißt nicht, dass ich es auch kann (lacht)...
Télécran: Was für ein Sport-Typ sind Sie? Treiben Sie Sport nur für sich, oder sind Sie ein Wettkampftyp?
Martine Hansen: Ich war nie in einem Verein. Von meinem Heimatort Tarchamps ist nur einmal am Tag ein Bus nach Wiltz gefahren, wo es Vereine gegeben hätte. An der Uni habe ich dann viel Sport gemacht: Laufen, Radfahren, Schwimmen - immer, wenn ich keine Lust hatte zu lernen, habe ich meine Kondition verbessert. Dann bin ich irgendwann Marathon gelaufen und habe mir Ziele gesetzt.
Télécran: Was war Ihre Bestzeit?
Martine Hansen: Etwa 3 Stunden, 40 Minuten. Aber das ist eine Zeit her, ich habe mittlerweile Probleme mit dem Bein. Es war schwierig zu akzeptieren, dass manches nicht mehr geht wie früher. Ich werde nicht Erste, aber in meiner Altersklasse bin ich schon noch ehrgeizig.
Télécran: Sie können nicht gut verlieren?
Martine Hansen: Nein, so gut verlieren kann ich nicht. Aber Ehrgeiz gehört dazu, auch im Beruf. Man muss sich durchsetzen können.
Télécran: Als Läuferin haben Sie viel Ausdauer. Hilft das in der Politik?
Martine Hansen: Ich glaube, das hilft. Es ist nicht alles ein Sprint. Ich möchte lieber alles Schritt für Schritt machen und sicher am Ziel ankommen, als schnell rennen und vielleicht in eine Sackgasse laufen. In der Politik geht es meist langsamer, als man hofft. Dann darf einem nicht der Atem ausgehen.
Télécran: Haben Sie sich mittlerweile einen Überblick verschaffen können im Sportressort?
Martine Hansen: Ja, über die wichtigsten Projekte. Ich hatte ja auch mit dem COSL letzte Woche eine erste Versammlung, bei der wir verschiedene kritische Punkte besprochen haben und mit dem Subside Qualité+, der Reform für die Beihilfe für die Vereine, gut weitergekommen sind. Wir machen Politik für den Sport, dann müssen wir sie auch mit dem Sport machen. Mir ist es wichtig, oft auf dem Terrain und nicht nur im Büro zu sein. Was ich schnell angehen möchte, ist das Thema Sonntagsarbeit. Wo Sport getrieben wird, wird auch sonntags gearbeitet. Da befinden wir uns noch in einer Grauzone, das muss gesetzlich geregelt werden.
Télécran: Die Stimmung zwischen Sportministerium und COSL war ja zuletzt nicht so gut. Das IPESS Dossier (Initiative pour la promotion de l'emploi dans le secteur du sport, Anm. d. R.) war in der Kritik.
Martine Hansen: Bei unserem Treffen war die Stimmung sehr gut, es war sehr konstruktiv und so möchte ich auch weitermachen. Beim IPESS-Dossier warten wir noch auf ein Gutachten vom Staatsrat. In der nächsten Versammlung mit dem COSL im März werden wir schauen, wo es noch Knackpunkte gibt.
Télécran: Das Sportmuseum sei nicht Ihre erste Priorität, sagten Sie vor Kurzem. Trotzdem die Frage: Gibt es Neuigkeiten? Wir haben vom Parlament zehn Dossiers mit 40 Fragen bekommen. Was damit passiert, entscheidet das Parlament. Auf der anderen Seite habe ich ein juristisches Gutachten in Auftrag gegeben. Ich hoffe, dass wir Anfang Februar alles zusammen haben. Dann wissen wir, was schiefgelaufen ist und können weitermachen. Mir ist wichtig: Es wurde nichts gebaut, nichts gekauft und nichts entschieden. Ob wir das noch in dieser Legislaturperiode auf eine Schiene bringen, kann ich nicht garantieren. Das wird auch eine Regierungsentscheidung sein.
Télécran: Nervt Sie das Thema schon?
Martine Hansen: Nein, dass es dazu Nachfragen gibt, ist normal. Jeder möchte eine Aufklärung haben. Das Parlament macht nur seine Arbeit. Wir werden die Fragen beantworten. Aber es ist schwierig für mich, weil ich das Dossier nur von außen kenne.
Télécran: Haben Sie eigentlich Bedenken, dass bei drei Ministerien eins zu kurz kommen könnte?
Martine Hansen: Nein. Es ist sportlich, da mein Terminkalender schon vorher gut gefüllt war. Beim Konsumentenschutz-Ministerium müssen wir einige Direktiven umsetzen. Das läuft relativ gut. Ich bin immer mittwochs da. In der Landwirtschaft müssen wir die ganze gemeinsame Agrarpolitik überarbeiten. Da muss ich oft nach Brüssel. Mit Organisation kann man vieles schaffen. Und Ausdauer. Und Motivation. Das sind wichtige Eigenschaften, die man fast überall haben muss.