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"Luxemburg ist besser auf Hitzewellen vorbereitet als noch vor einigen Jahren"
Interview mit Serge Wilmes im Luxemburger Wort
Interview: Luxemburger Wort (Michèle Gantenbein)
Wort: Serge Wilmes, Sie sind Umwelt- und Klimaminister. Was bedeutet Natur- und Klimaschutz in Ihrem privaten Leben? Worauf achten beziehungsweise verzichten Sie als Familie?
Serge Wilmes: Unsere Familie ist stark mit der Natur verbunden. Wir wohnen in der Millebaach am Fuß des Eecherfelds und sind mit unseren drei Kindern viel draußen. Sie haben die Bësch-Spillschoul besucht. Wir versuchen, ihnen ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass Natur geschützt werden muss. Wir trennen Müll, kaufen lokal ein und versuchen, viel zu Fuß oder mit dem Rad zu erledigen. Wir haben unser Haus begrünen lassen und lassen auch im Garten Natur entstehen, statt ständig zu mähen. Es ist nicht perfekt. Wichtig ist, sich immer wieder neu auszurichten und seinen Beitrag zu leisten. Das versuche ich zu tun - als private wie als öffentliche Person.
Wort: Wenn Sie nach fast drei Jahren Amtszeit Bilanz ziehen: Welche konkrete Verbesserung für Natur und Klima ist unmittelbar auf Ihre Politik zurückzuführen? Und wo sind Sie bis her hinter Ihren eigenen Zielen zurückgeblieben?
Serge Wilmes: Wir sind mit dem Versprechen angetreten, eine ambitionierte, aber praktische und sozial gerechte Natur- und Klimaschutzpolitik zu machen. Eine unserer Prioritäten ist, die Menschen wieder zu begeistern. Dafür müssen Verfahren beschleunigt werden, etwa für PV-Anlagen, Windräder oder Radwege. Wir haben das Naturschutzgesetz entsprechend angepasst, es muss noch verabschiedet werden. Gleichzeitig wollen wir weg davon, dass Kompensationsmaßnahmen vom Einzelnen umgesetzt werden. Stattdessen betrachten wir das gesamte Territorium und wollen es insgesamt ökologisch stärken. Dazu gehört auch, die Gemeinden stärker zu begrünen, etwa über das Couvert boisé, den sogenannten "Bampräbbeli". Und wenn Natur zerstört wird, soll die Kompensation möglichst nah am Eingriffsort erfolgen. Beim Klimaschutz haben wir den nationalen Energie- und Klimaplan, den PNEC, angepasst, den Klimabonus Mobilität stärker auf kleine E-Autos ausgerichtet und das soziale Leasing für bescheidene Einkommensgruppen auf den Weg gebracht. Klimabonus Mobilität und Klimabonus Wohnen wurden bis 2030 verlängert. Die Vorfinanzierung, die es bereits bei PV-Anlagen gibt, soll künftig auch für Wärmepumpen gelten. Zudem haben wir eine neue Klimaanpassungsstrategie ausgearbeitet. Dass wir hinter unseren Zielen zurückgeblieben wären, würde ich nicht sagen. Es bleiben noch gut zwei Jahre. Wir arbeiten unter anderem an der Wasserresilienzstrategie, einem neuen Bewirtschaftungsplan, der Umsetzung der Empfehlungen aus dem Bericht zur Belastung von Wasser und Umwelt mit PFAS-Chemikalien sowie am neuen PNEC für die Jahre 2030 bis 2040 mit dem Ziel, die CO2-Emissionen um 90 Prozent zu senken. Außerdem wollen wir die europäische Bodenschutzrichtlinie umsetzen. Luxemburg hat bislang kein Bodenschutzgesetz.
Wort: Die Regierung ist mit dem Versprechen angetreten, Verfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Das Motto lautet: schneller bauen und gleichzeitig die Natur stärken. Ist das nicht ein Widerspruch?
Serge Wilmes: Nein. Wir haben in diesem Jahr mehrere Hitzewellen erlebt und müssen auch künftig damit rechnen. Um uns gegen Hitze und Überschwemmungen zu wappnen, brauchen wir einen naturnahen Urbanismus: mehr Begrünung im öffentlichen und privaten Raum und mehr Versickerung von Wasser. Gleich zeitig müssen wir weiter Wohnungen bauen. Was wir wollen, ist, die Prozeduren zu verkürzen und gleichzeitig die Natur zu stärken. Das tun wir durch die Einführung des Prinzips "Natur auf Zeit": Wer Natur während 15 Jahren auf seinem Grundstück unangetastet lässt, soll später nicht kompensieren müssen, wenn dort gebaut wird. Heute halten manche Eigentümer ihre Grundstücke bewusst naturfrei, um spätere Kompensationspflichten zu vermeiden. Bei neuen Wohnprojekten ab 20 Ar sollen außerdem zehn Prozent der Fläche begrünt werden. Hinzu kommt der "Bampräbbeli". Bauen und Naturschutz können also Hand in Hand gehen.
Wort: Naturschutz wird zunehmend juristisch und arithmetisch betrachtet. Natur lässt sich aber nicht vollständig in Flächen, Kategorien und Ausgleichspunkten erfassen. Schafft das System mitunter nur die rechnerische Illusion, ökologische Verluste ließen sich ersetzen?
Serge Wilmes: Ich kann dieses Argument zum Teil nachvollziehen. Natur ist dynamisch und entwickelt sich auch dort, wo vorher nichts war. Dennoch müssen wir zerstörte Natur erfassen können und versuchen, sie anderswo gleichwertig wiederherzustellen, wie es auch die europäischen Richtlinien vorsehen. Ob das in der Praxis immer funktioniert, dar an zweifle auch ich. Eine gewachsene Struktur lässt sich nicht eins zu eins an anderer Stelle wiederherstellen. Deshalb haben wir einen Paradigmenwechsel vorgenommen: Künftig soll möglichst ortsnah kompensiert werden und nicht irgendwo weit weg. Wir führen auch kommunale Kompensationspools ein und denken darüber nach, ob Gemeinden Leistungen, die über das gesetzlich Geforderte hinausgehen, später angerechnet werden können. Man kann die Arithmetik infrage stellen.
Gleichzeitig habe ich gelernt, dass man der Natur in bestimmten Situationen auch einen monetären Wert geben muss, weil sie sonst in ökonomischen Diskussionen schnell den Kürzeren zieht. Nur wenn Kosten vergleichbar werden, kann man sichtbar machen, dass es sich lohnt, in Natur zu investieren.
Wort: Luxemburg hat sein nationales Emissionsbudget sechs Jahre in Folge eingehalten. Im Gebäudesektor sind die Emissionen 2025 jedoch wieder um 5,1 Prozent gestiegen und lagen 25,9 Prozent über der vorgesehenen Emissionszuteilung. Warum ist es Ihnen bisher nicht gelungen, gerade beim Heizen eine dauerhafte Trendwende herbeizuführen?
Serge Wilmes: Beim übergeordneten Ziel liegen wir auf Kurs. Das heißt, dass wir das Ziel bis 2030 - minus 55 Prozent an CO2-Emissionen - erreichen werden. Derzeit liegen wir bei minus 36 Prozent. Am besten schneidet der Transport ab, der rund 60 Prozent der Emissionen ausmacht. Der Gebäudebereich steht für etwa 21 Prozent und bleibt eine große Herausforderung. Wir setzen dort auf Anreize wie den Klimabonus Wohnen. Die Prämien für energetische Sanierungen und Wärme pumpen wurden erhöht und bis 2030 verlängert. Ab 1. Januar 2027 sollen Wärme pumpen vorfinanziert werden. Außerdem wollen wir ein soziales Leasing für Wärmepumpen einführen. Wir erwarten bei den Wärmepumpen einen ähnlichen Boom wie bei den PV-Anlagen. Das nationale Bautenreglement wird eine Schlüsselrolle spielen, weil dann nationale Vorschriften gelten und nicht mehr jede Gemeinde ihre eigenen Vorschriften hat. Schwierig bleibt der Mietbereich: Wie bringt man Eigentümer dazu, in Wärme pumpen zu investieren? Dazu lassen wir derzeit eine Studie erstellen. Bewegung dürfte auch durch den europäischen Emissionshandel ETS2 kommen, der 2028 für Gebäude und Mobilität eingeführt wird. Heizen mit fossilen Energien wird dann teurer, gleichzeitig sollen Haushalte mit niedrigeren Einkommen unterstützt werden.
Wort: Luxemburg hatte diesen Sommer wie viele andere Länder mit extremer Hitze zu kämpfen. Grüne und Umweltorganisationen werfen der Regierung vor, zu spät beziehungsweise nur punktuell zu handeln. Wie gut ist Luxemburg auf künftige Hitzewellen vorbereitet?
Serge Wilmes: Luxemburg ist besser vorbereitet als noch vor einigen Jahren. Auch frühere Regierungen haben Anstrengungen unternommen, das muss man anerkennen. Wir haben eine Klimaanpassungsstrategie beschlossen, an deren Erarbeitung mehr als 500 Personen beteiligt waren. Alle Ministerien sind gefordert, ihre Hausaufgaben zu machen. Die Strategie muss jetzt umgesetzt werden, und das braucht Zeit. Ich habe mit vielen Gemeinden, Unter nehmen und Bürgern gesprochen und sehe, wie viel bereits passiert. Nur mit der Botschaft, dass alles nicht reicht, motiviert man die Menschen nicht. Ich sehe das Glas halb voll. Man muss anerkennen, was bereits getan wird. Wenn Menschen sich gesehen und wertgeschätzt fühlen, sind sie eher bereit, noch mehr zu tun. Die verbleibenden zweieinhalb Jahre dieser Legislatur werden nicht reichen, um alles zu verändern. Die Wissenschaft sagt ganz klar, dass es Jahrzehnte braucht, um die CO2-Emissionen zu stabilisieren, und dass sie erst danach sinken werden. Im trägen System Klima werden die Auswirkungen von Maßnahmen nicht unmittelbar sichtbar. Lokal kann man dagegen sehr schnell viel zum Besseren verändern, in dem man mehr Grünflächen schafft, Wälder anpflanzt, Flächen entsiegelt und Wasserläufe renaturiert. Wir haben Akzente gesetzt, die dazu führen, dass wir gegen Hitzewellen oder auch Überschwemmungen besser gewappnet sind.
Wort: Es gibt eine ganze Reihe von Renaturierungsprojekten, die seit Jahren geplant sind, aber kaum vorankommen. Zwischen Lorentzweiler und Lintgen wurde 2026 eine Machbarkeitsstudie ausgeschrieben, ob wohl bereits 2001 beschlossen worden war, die Renaturierung der Alzette zu beschleunigen. Warum dauert das Jahrzehnte? Das ist eine pertinente Frage. Zusammen mit Innenminister Léon Gloden haben wir im November 2025 einen Renaturierungstisch ins Leben gerufen, um zu klären, warum es nicht vorangeht. Die größte Hürde ist die Verfügbarkeit der Flächen. Viele liegen in privater Hand, insbesondere entlang von Bächen und Flüs sen. Ohne Zugriff auf diese Flächen lassen sich Wasserläufe kaum renaturieren. Eine Möglichkeit wäre, dass der Staat Flächen nicht unbedingt kauft, sondern über Erbpacht oder Nutzungsrechte nutzt.
Auch ein Remembrement oder ein Bonus für Eigentümer, die Flächen zur Verfügung stellen, sind denkbar. Eine weitere Hürde ist die Vorfinanzierung durch die Gemein den. Zwar übernimmt der Staat später 100 Prozent der Kosten, zunächst geht es aber oft um große Summen. Deshalb prüfen wir, ob der Staat stärker vorfinanzieren kann. Zudem müssen die Zuständigkeiten von Staat, Gemeinden, Syndikaten und Eigentümern klarer geregelt werden. Davon erhoffen wir uns mehr Renaturierungsprojekte.
Wort: Betroffene, insbesondere Landwirte, sagen auch, die Kommunikation der Behörden sei teilweise ein Problem gewesen. Ist Ihnen das bekannt?
Serge Wilmes: Das habe ich schon gehört. Das Anliegen dieser Regierung ist, im konstruktiven Dialog mit den Menschen zu bleiben und Betroffene an einen Tisch zu bringen. Es ist verständlich, dass jemand seine Fläche nicht gerne abgibt. Wenn man aber respektvoll verhandelt und neue Mechanismen schafft, kann gegenseitiges Verständnis entstehen und man kann in dieselbe Richtung ziehen.
Wort: Großherzog Guillaume wollte die Konvention mit dem Staat über den Gréngewald vorzeitig beenden, die Regierung hat das abgelehnt. Gleichzeitig war zu hören, die Regierung sei seinem Anliegen zunächst offener gegenübergestanden und habe später ihre Position geändert. Stimmt das?
Serge Wilmes: Das kann ich so nicht bestätigen. Die Regierung hat die Anfrage diskutiert. Der Großherzog möchte dort unter anderem Projekte umsetzen, die junge Menschen stärker einbinden. Diesen Gedanken teilen wir. Die Naturverwaltung ANF bietet bereits pädagogische Aktivitäten an, und wir sind offen für weitere Ideen. Wir wollen aber den Vertrag respektieren, der noch bis 2034 läuft. Der Staat investiert dort Mittel, und die Naturverwaltung betreibt eine naturnahe Bewirtschaftung, die Früchte trägt. Der Gréngewald ist stärker zu einem Mischwald geworden und dadurch widerstands fähiger gegen Hitzewellen. Die ANF berät derzeit intern darüber, wie der Gréngewald stärker genutzt werden kann, um insbesondere Jugendlichen die Natur näher zubringen und so dem Wunsch des Großherzogs nach mehr Angeboten für Jugendliche im Rahmen des bestehenden Vertrags entgegenzukommen. Einen Kurswechsel der Regierung hat es nicht gegeben.
Wort: Die Konvention läuft 2034 aus. Könnte der Großherzog die Bewirtschaftung danach wieder selbst übernehmen?
Serge Wilmes: Das muss man dann klären. Der Vertrag könnte auch verlängert werden. Die naturnahe Bewirtschaftung der rund 850 Hektar hat den Staat in den vergangenen Jahren durchschnittlich etwa 220.000 Euro pro Jahr gekostet, die Einnahmen aus dem Holzverkauf lagen im Schnitt bei rund 160.000 Euro. Falls es der Wunsch des Großherzogs sein sollte, den Gréngewald wieder ganz in seinen Besitz zu bekommen, müsste er natürlich auch die Bewirtschaftung übernehmen.