Viel geplant, genug entschieden? Eric Thill spricht über seine Kulturpolitik

Interview mit Eric Thill im Luxemburger Wort

Interview: Luxemburger Wort (Nadine Schartz)

Wort: Eric Thill, warum haben Sie sich gerade Lellingen für unser Sommergespräch ausgesucht?

Eric Thill: Es ist ein Ort, an den ich gerne komme. Ich bin Naturfreund und gehe gerne spazieren, etwa auf dem Auto-Pédestre, der hier an der Kirche startet. Diese Tour mache ich gerne in den Osterferien, denn dann blühen die Narzissen. Zudem hat die Kunst in Lellingen einen hohen Stellenwert, etwa mit dem Kunstfestival am Nationalfeiertag. Hinzu kommt das Kulturerbe. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Wort: Sie sind mit 29 Jahren Minister geworden, hatten zu diesem Zeitpunkt weder Erfahrung im Parlament noch verfügen sie über eine klassische Kulturbiografie. Dies wurde zu Beginn Ihrer Amtszeit kritisiert. Wie haben Sie das empfunden?

Eric Thill: Mit 22 Jahren hatte ich die Chance, Präsident des Nordbezirks der DP zu werden. Mit 25 Jahren wurde ich Bürgermeister meiner Heimatgemeinde Schieren. Mit 29 Jahren hatte ich dann die große Ehre, Minister zu werden. Ich sage ganz offen: Bei all diesen Ämtern gab es immer Kritik. Diese nimmt man zur Kenntnis. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Für mich ist wichtig, dass Menschen danach beurteilt werden, was sie geleistet und umgesetzt haben. So habe ich es als Bezirkspräsident gesehen, als Bürgermeister und so sehe ich es auch als Minister. Wenn man als Politiker ein Mandat übernimmt, dann weiß man, dass man mit Kritik umgehen können muss. Man liest diese Dinge und nimmt sie zur Kenntnis. Aber man schaut nach vorn, versucht, ordentlich zu arbeiten und motiviert zu bleiben. Bei den Wahlen 2028 können die Menschen dann entscheiden, was sie von dieser Arbeit halten.

Wort: Was hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren konkret für Künstler und Kulturschaffende verbessert?

Eric Thill: Wir haben auf drei Achsen gearbeitet: strukturelle Reformen durch Gesetze, den Zugang zur Kultur und den Sektor finanziell unterstützt. Der Aktionsplan "Accès à la culture" wurde inzwischen vom Regierungsrat angenommen. Wir haben die Konventionen erhöht und finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, um Künstlern und Akteuren eine gewisse Stabilität zu geben. Künstler sind nämlich mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert wie viele andere Menschen: Wohnraum, hohe Energie kosten und andere wirtschaftliche Herausforderungen. Ferner schauen wir uns den Künstlerstatus und den Kultururlaub an, um zu prüfen, ob Verbesserungen möglich sind. Wir arbeiten an Künstlerresidenzen. Wir wollen im ganzen Land Orte schaffen, an denen Künstler arbeiten und wohnen können. Solche Infrastrukturen fehlen teilweise noch.

Wort: Wurde denn in den vergangenen Jahren versäumt, den Künstlern und Kulturschaffenden eine gewisse Stabilität zu ermöglichen?

Eric Thill: Jeder Minister hat seine Prioritäten. In den Jahren zuvor wurde bereits viel geleistet. Der Künstlerstatus und der Kultururlaub sind gute Instrumente, die funktionieren. Nach einigen Jahren muss man je doch Bilanz ziehen und prüfen, ob eine Weiterentwicklung möglich ist. Mit solchen Reformen werden wir uns in den kommenden Monaten beschäftigen. Ich sehe es als meine Verantwortung, die vorhandenen Infrastrukturen, die Künstler und unsere vielfältige Kulturszene noch stärker mit einem neuen Publikum zu verbinden und bestehende Barrieren abzubauen. Kultur ist für jeden da. Und ein Künstler profitiert auch von einem besseren Zugang zur Kultur.

Wort: Sie sind viel im Land unterwegs. Gleichzeitig wird ihnen nachgesagt, dass sie zwar viel planen und analysieren, aber zu wenige Entscheidungen treffen. Sehen Sie das auch so?

Eric Thill: Es ist gut, dass ich das einmal anders darstellen kann. Natürlich ist in der Mitte eines Mandats noch nicht alles abgeschlossen. Wir haben Reformen angestoßen. Etwa das Bibliotheksgesetz, mit dem wir kleine, dezentrale Bibliotheken unterstützen, professionalisieren und ihnen mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stellen wollen. Wir haben mit dem Observatoire de la Culture erstmals in der Geschichte der Luxemburger Kultur eine Institution geschaffen. Ferner haben wir die Reform des Filmfonds auf den Weg gebracht, hinsichtlich der Governance und im finanziellen Bereich. Im Bereich des Kulturerbes haben wir Anpassungen vorgenommen und das Denkmalschutzgesetz geändert. Der Aktionsplan für die luxemburgische Sprache befindet sich in der Schlussphase. Gleichzeitig arbeiten wir am Archivgesetz, am Focuna-Gesetz und am Kulturentwicklungsplan 2.0. Es kann vorkommen, dass manche Projekte länger dauern als gewünscht. Aber wir sind jetzt auf einem guten Weg und zuversichtlich, sowohl den Kulturentwicklungsplan 1.0 als auch den Koalitionsvertrag bis Oktober 2028 umsetzen zu können.

Wort: Der Kulturentwicklungsplan 2.0 soll von 2028 bis 2038 laufen und im Herbst präsentiert werden. Dennoch ist der Kulturentwicklungsplan 1.0 noch nicht abgeschlossen.

Eric Thill: Genau. Beim Kulturentwicklungsplan 1.0 (KEP) sind wir jetzt auf der Zielgeraden. Wir arbeiten die letzten Punkte ab. Gleichzeitig lancieren wir den KEP 2.0. Über den Sommer haben wir intern erste Gespräche geführt und uns Gedanken gemacht. In der nächsten Phase werden wir den Sektor einbinden. Wenn man eine kulturelle Vision für die kommenden zehn Jahre entwickeln möchte, geht das nur gemeinsam mit den Häusern, den konventionierten Akteuren, aber vor allem mit den Künstlerinnen und Künstlern.

Wort: Seit Beginn dieser Legislaturperiode sind im Kulturbereich eine Reihe von Problemen aufgetaucht, etwa beim Mudam oder beim CNA. Hat Sie das bei anderen Dingen zurückgeworfen?

Eric Thill: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, alles sei großartig gewesen. Wenn man ein solches Dossier hat, bei dem Entscheidungen getroffen werden müssen, kostet das Zeit und Energie. Diese Zeit fehlt dann für andere politische Prioritäten. Aber als Minister muss man solche Probleme lösen und gleichzeitig weiterarbeiten können. Beim Mudam haben wir die Governance gestärkt und einen neuen Präsidenten ernannt. Das ist wichtig, damit eine derart renommierte Kulturinstitution künftig in Ruhe arbeiten kann. Auch das CNA ist ein Dossier mit einer gewissen Komplexität. Jetzt geht es darum, Stabilität und Ruhe in diese Institution zu bringen. In den kommenden Monaten werden wir eine neue Direktorin oder einen neuen Direktor er nennen, es sind interessante Bewerbungen eingegangen.

Wort: Gibt es andere Häuser, in denen es Probleme gibt oder gab?

Eric Thill: Von meiner Seite kann ich sagen, dass derzeit keine Dossiers auf meinem Schreibtisch liegen, bei denen mir größere interne Probleme oder Spannungen in einem Kulturinstitut bekannt wären. Es kann immer vorkommen, dass es in einem Haus Meinungsverschiedenheiten gibt. Das ist normal und sollte in einer kreativen Institution auch so sein. Dies muss selbstverständlich in einem respektvollen Ton geschehen. Für mich sind Spannungen oder unterschiedliche Meinungen nichts Außergewöhnliches.

Wort: Die Förderung der luxemburgischen Sprache gehört zu Ihren Ressorts. Was hat sich seit Ihrem Amtsantritt diesbezüglich konkret verändert?

Eric Thill: Wir haben die luxemburgische Sprache im öffentlichen Raum sichtbarer gemacht. Am 26. September findet der Tag der luxemburgischen Sprache statt. Wir haben die Sprache digital fit für die Zukunft gemacht und die "Schreifmaschinn" sowie die "Sproochmaschinn" weiterentwickelt. Gleichzeitig setzen wir unter anderem den Aktionsplan zur Stärkung der luxemburgischen Sprache um. Zusammen mit Akteuren aus dem Gesundheitswesen, dem Bildungsbereich und der Horeca Branche entwickeln wir Fortbildungen, um die Sprache im Alltag zu stärken. Eine große Herausforderung bleibt das Angebot an Sprachkursen. Heute lernen so viele Menschen Luxemburgisch wie nie zuvor. Das Interesse ist enorm groß. Dieses Angebot müssen wir landesweit ausbauen. Wir denken bereits heute über einen Aktionsplan "Luxemburgisch 2.0" nach. Die ersten Ideen dafür sollen bis 2027 ausgearbeitet werden.

Wort: Bleiben wir bei Ihrer persönlichen Bilanz der vergangenen zweieinhalb Jahre. Was war die schwierigste Entscheidung, die Sie als Minister treffen mussten?

Eric Thill: Ganz offen, und das ist kein großes Geheimnis: Wenn ich sagen würde, dass das CNA-Dossier ein schöner Moment gewesen wäre, würde ich lügen. Als Minister muss man im Alltag sehr viele Entscheidungen treffen. Ich kann deshalb nicht sagen, dass eine einzige Entscheidung schwieriger gewesen wäre als alle anderen.

Wort: Wenn man auf das Ende der Legislaturperiode 2028 blickt: Bei welchen drei Projekten möchten Sie sagen können, dass Sie et was Wichtiges für die Kultur geleistet haben?

Eric Thill: Ich möchte, dass der Zugang zur Kultur im Jahr 2028 ein anderer ist als 2023, als ich angefangen habe. Ich möchte, dass der Aktionsplan für den Zugang zur Kultur bis dahin weitgehend umgesetzt ist. Das ist das Herzstück unserer Kulturpolitik für die kommenden Jahre. Ich möchte - und das ist auch die Ambition meines Teams - eine konkrete Verbesserung erreichen und diese Anstrengungen vor Ort spürbar machen. Meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger soll das anschließend weiterführen und die Bedeutung dessen erkennen. Ich bleibe dabei: Kultur muss für jeden zugänglich sein. Sie spielt eine enorm wichtige Rolle in der Entwicklung junger Menschen, sei es in der formalen oder informellen Bildung. Sie fördert Kreativität, kritisches Denken und Offenheit. Das sind Eigenschaften, die unsere Gesellschaft und unser Land brauchen. Als Ministerin oder Minister wird man immer auch an den Ergebnissen des Koalitionsvertrags gemessen. Wir haben einen sehr ambitionierten Koalitionsvertrag im Bereich Kultur und ich möchte die darin enthaltenen Punkte bestmöglich umsetzen. Außerdem möchte ich erreichen, dass der Kultursektor, die Künstler, die konventionierten Akteure und unsere Institutionen finanzielle Stabilität haben. Sie sollen Planungssicherheit haben und in einem ruhigen Umfeld arbeiten können.

Wort: Zum Schluss noch eine Frage zu Ihrer persönlichen Situation. Ist es als junger Minister schwieriger als für jemanden, der schon länger dabei ist?

Eric Thill: Ich kann ganz klar sagen: Ich habe mich bislang nie benachteiligt gefühlt, nur weil ich jung bin. Das möchte ich auch anderen jungen Menschen, die sich für Politik interessieren, sagen. Davor muss man wirklich keine Angst haben. Wichtig sind vor allem Engagement, Arbeit und Leidenschaft. Man muss Lust haben, Politik zu machen. Man muss Energie und Freude daran haben. Es ist kein Job, bei dem man morgens anfängt und abends pünktlich Feierabend macht. Was mich von Anfang an beeindruckt hat, ist das gute menschliche Einvernehmen. Man wird respektiert. Und das nicht nur in der eigenen Partei, sondern auch vom Koalitionspartner. Das ermöglicht eine gute Zusammenarbeit. Hier geht es in erster Linie um die Sache und um das Wohl des Landes. Deshalb freue ich mich auf die kommenden zweieinhalb Jahre.

 

Regierungsmember

THILL Eric

Organisatioun

Kulturministère