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Interview: Télécran (Sebastian Weisbrodt)

 

Télécran: Frau Ministerin, warum haben Sie diesen Ort als Treffpunkt gewählt?

Yuriko Backes: Ich bin gerne auf dem Kirchberg - hier befinden sich seit anderthalb Jahren meine drei Büros. Nur komme ich selten raus, der Alltag ist sehr eng getaktet. Diesen Park mag ich besonders gerne. Auch wegen der "Knotted Gun" - ein starkes Symbol gegen Krieg und Gewalt, das mir persönlich viel bedeutet. Es handelt sich um eine Replika der berühmten Statue, die Luxemburg den Vereinten Nationen geschenkt hat und die heute in New York vor dem UN-Gebäude steht. Und natürlich ist das viele Grün hier oben wunderbar - mit dem Bambus, den Wasserlilien, der Weite. Ein Ort, der einem für einen Moment Ruhe schenkt. Ich finde es wichtig, sich gelegentlich an solche Orte zu begeben.

Télécran: Weltweit stehen die Zeichen auf Aufrüstung. Welche Rolle spielt die luxemburgische Armee aktuell - auch im Rahmen der NATO und EU?

Yuriko Backes: Die Friedensdividende, von der wir in den vergangenen Jahrzehnten profitiert haben, ist vorbei. Luxemburg muss solidarisch mit seinen Partnern bleiben und Verantwortung in der NATO und der EU übernehmen. Wir sehen heute eine Bedrohung, die wir sehr ernst nehmen müssen. Aber das heißt natürlich nicht, dass Luxemburg oder ein anderes Land in der EU morgen angegriffen wird. Europa hat sich jahrzehntelang zu sehr auf den Schutz durch die Vereinigen Staaten verlassen. Inzwischen wissen wir: Das kann so nicht weitergehen. Wir müssen den europäischen Pfeiler der NATO stärker aufstellen — und Luxemburg muss seinen Beitrag dazu leisten. Es kann nicht sein, dass mehr als 600 Millionen Europäer auf 330 Millionen Amerikaner für den Schutz des euroatlantischen Raumes angewiesen bleiben. Diese Herausforderung betrifft alle Alliierten - wir sind keine Ausnahme.

Télécran: Was bedeutet das für das unser Land?

Yuriko Backes: Auch unsere Armee muss sich transformieren. Das ist mit großen Investitionen verbunden und braucht Zeit. Aber wir nehmen diese Verantwortung sehr ernst und werden unseren Teil beitragen. Wir haben nicht nur die Verpflichtung, unsere Partner zu unterstützen, sondern auch unsere Werte zu verteidigen. In einer Welt, in der autoritäre Regime immer selbstbewusster auftreten, ist es umso wichtiger, dass wir unsere Demokratie und Freiheit schützen.

Télécran: Wie sieht diese Transformation konkret aus?

Yuriko Backes: Auf dem NATO-Gipfel in Den Haag wurde beschlossen, dass bis 2035 alle 32 Alliierten fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts, für Luxemburg gilt hier das Bruttonationaleinkommen, in Verteidigung und Sicherheit investieren. Unser Land geht bereits in diesem Jahr einen großen Schritt und will die Zwei-Prozent-Marke für Verteidigung erreichen. Das ist ein deutliches Zeichen - auch nach außen an potenzielle Aggressoren und ihre Verbündete. Ich glaube, es wäre gegenüber unserer Bevölkerung, aber auch unseren Verbündeten in der NATO gegenüber kaum verantwortbar, wenn wir unseren Beitrag nicht etwas schneller erhöhen würden.

Télécran: In welche Bereiche fließen diese Gelder?

Yuriko Backes: Unsere Schwerpunkte liegen im Aufbau bei der Umsetzung des Kampfaufklärungsbataillons zusammen mit Belgien, im Bereich Luftverteidigung- und Raketenabwehr, der Anschaffung bewaffneter Drohnen - bislang haben wir nur Aufklärungsdrohnen - und dem Aufbau eines verlegbaren Militärkrankenhauses. Wir sehen derzeit in der Ukraine und in Russland, welchen Stellenwert Luftverteidigung und Drohnen mittlerweile in der Kriegsführung haben. 2029 wird es eine Mid-Term-Review geben, um zu prüfen, inwiefern sich die geopolitische Lage verändert hat. Uns war wichtig, dass wir einen gewissen Spielraum behalten - das wurde im Abschlussdokument auch anerkannt. Denn als kleines Land ist es entscheidend, dass wir auch dort unterstützen, wo wir jetzt schon echten Mehrwert liefern können - zum Beispiel im Satellitenbereich oder der Cybersicherheit. All gemein ist es unsere Ambition, luxemburgische Unternehmen stärker in die europäischen Wertschöpfungsketten der Verteidigungsindustrie einzubinden.

Télécran: Das Land investiert stark in Mobilität. Was sind Ihre Prioritäten für nachhaltigen Verkehr und bessere Anbindungen in Stadt und Land?

Yuriko Backes: Wir arbeiten derzeit an einer Vielzahl von Projekten in der Mobilität - und das mit Nachdruck. Diese Projekte zielen eindeutig auf eine Verbesserung unserer Angebote und Infrastrukturen ab. Wir müssen heute planen, damit diese Verbesserun gen, die den Erwartungen und Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen müssen, morgen Realität werden. Die hohe Investitionstätigkeit wurde im Koalitionsvertrag festgeschrieben und ist aus meiner Sicht alternativlos. Denn wir investieren damit direkt in die Zukunftsfähigkeit des Landes - und in die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger. Es sind Investitionen in die Dienstleistungsqualität, in die Verkehrssicherheit und in die Umweltverträglichkeit. Die Ausarbeitung des nationalen Mobilitätsplans 2040 läuft im Augenblick und voraussichtlich wird dieser 2027 vorgestellt werden können.

Télécran: Was steht in diesem Plan?

Yuriko Backes: Mit diesem Dokument möchte ich die Weichen für die mittelfristige Entwicklung der Mobilität stellen. Um die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Bürgerinnen und Bürger sowie der Grenzgänger besser zu verstehen, und die Erkenntnisse in die Mobilitätsplanung hineinfließen zu lassen, läuft eine repräsentative Umfrage, die Luxmobil 2025. Wichtig ist uns, dass die Menschen eine echte Wahl haben. Der öffentliche Verkehr ist seit fünf Jahren gratis und es gilt, seine Qualität weiter auszubauen. Die Tram etwa hat eine bemerkenswerte Entwicklung genommen - sie fährt inzwischen bis zum Flughafen, was viele lange erwartet haben. In den Flughafen selbst werden über die nächsten sieben Jahre mehr als eine Milliarde Euro investiert. Es gilt aber auch die mittelfristigen Entwicklungen zu antizipieren.

Télécran: Woran denken Sie?

Yuriko Backes: Der Ausbau der Bahnlinie zwischen Bettemburg und Luxemburg sowie die Mitfahrerspur auf der A3 schaffen Alternativen zum Individualverkehr. Außerdem investieren wir konsequent in die Hauptverkehrsachse im Norden des Landes. Es ist dringend notwendig, die Verkehrssicherheit auf der N 7 zu verbessern - dort passieren nach wie vor zu viele Unfälle. Mit dem optimierten Projekt, das ich Anfang 2025 vorgestellt habe, gilt es nun auch, den Verkehrsfluss auf der Nationalstraße spürbar zu verbessern. Jahrzehntelang wurde über dieses Projekt diskutiert, in den nächsten Monaten wird hier endlich der Bagger rollen. Wir setzen weiter auf Multimodalität, also die Kombination verschiedener Verkehrsmittel durch die Anpassung und Modernisierung sämtlicher Angebote. Dazu zählen der Ersatz älterer Züge durch moderne Coradia-Züge und die Verbesserung der kontinuierlichen Kundeninformation an den wichtigsten Umsteigepunkten. Auch der Ausbau der Fahrradinfrastruktur wie beispielsweise der Fahrradwege mit rotem Belag in Esch/Alzette und Howald, um das Radfahren attraktiver, sicherer und komfortabler zu machen, oder auch ganz einfach die Förderung des Zu-Fuß-Gehens.

Télécran: Wünschen Sie sich, dass das bestehende Angebot stärker genutzt wird?

Yuriko Backes: Ich habe den Eindruck, dass unser öffentliches Verkehrsangebot bereits gut angenommen wird. Luxemburg ist das einzige Land weltweit mit kostenlosem öffentlichem Verkehr. Das ist für viele zur Normalität geworden. Der Gedanke, ein Ticket für Bus oder Bahn kaufen zu müssen, spielt keine Rolle mehr. Aber natürlich nutzen viele Luxemburgerinnen und Luxemburger weiterhin das Auto. Das ist verständlich. Und wir sehen das als Ansporn, unsere Angebote noch attraktiver zu machen. Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, der mitgedacht und mitgefühlt werden muss. Niemand wird gezwungen, sein Auto stehen zu lassen - aber wir wollen Angebote schaffen, die die Entscheidung für den öffentlichen Verkehr, für das Fahrrad oder das Zu-Fuß-Gehen einfacher machen.

Télécran: Gleichstellung und Diversität sind zentrale Themen. Wo steht Luxemburg?

Yuriko Backes: Leider sehen wir international - und auch hier in Luxemburg - Entwicklungen, die sich gegen Frauenrechte und die der LGBTIQ+-Gemeinschaft richten. Es gibt zu viel Hass und zu viel Gewalt in unserer Gesellschaft. Wir sehen, dass es ein echtes Problem im Netz ist, und das finde ich erschreckend. Das ist auch eine Realität in unserem Land - und die müssen wir offen benennen. Als Gesellschaft sind wir gefordert, dem entschlossen entgegenzutreten. Im Ministerium haben wir zuletzt drei zentrale Aktionspläne vorgestellt: einen zur Gleichstellung von Frauen und Männern, einen gegen geschlechtsspezifische Gewalt - das ist ein Novum - und einen dritten für die Rechte der LGBTIQ+-Gemeinschaft. Diese Pläne greifen ineinander. Zudem wurde die erste zentrale Anlaufstelle für Gewaltopfer in Luxemburg eingerichtet. Auch das ist ein Meilenstein. Gleichstellung bedeutet nicht nur Gesetze zu verabschieden, sondern konkrete Maßnahmen umzusetzen, die den Alltag der Menschen verbessern. Dazu zählen Bildungsarbeit, Sensibilisierungskampagnen und Unterstützungsangebote. Der Kampf für Vielfalt und Toleranz ist eine Daueraufgabe, die uns alle betrifft.

Télécran: Wohin fahren Sie dieses Jahr in den Urlaub?

Yuriko Backes: Zuerst gehts mit der Familie für eine Woche nach Italien. Danach genießen wir unser Zuhause im Garten - und anschließend reisen wir noch ein paar Tage nach Dänemark.

Télécran: Können Sie im Urlaub überhaupt abschalten?

Yuriko Backes: Ich glaube, das ist eine Charaktersache. Ich persönlich schaffe das nicht wirklich. (lacht) Ich organisiere mich so, dass ich zumindest zeitweise loslassen kann. Aber die Welt dreht sich auch im Sommer weiter und deshalb finde ich es nicht sinnvoll, alles komplett auszublenden - dann wartet danach nur ein großer Berg Arbeit. Und das möchte ich unbedingt vermeiden. Deshalb arbeite ich auch im Urlaub ein paar Stunden am Tag, nehme mir danach aber auch Zeit, um auf andere Gedanken zu kommen. Alleine schon der Tapetenwechsel hilft mir dabei. In einer Rolle mit dieser Verantwortung ist ein kompletter Schnitt schwierig. Es geht also eher darum, neue Kraft zu tanken, als sich vollständig abzukoppeln.

Télécran: Welche Bücher lesen Sie im Urlaub?

Yuriko Backes: Ich lese sehr gerne - vor allem Krimis und Thriller. Diese Geschichten fesseln mich oft so sehr, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen kann. Aber es darf auch mal ein guter Roman sein. Es gibt so viele herausragende Autorinnen und Autoren - ich möchte da niemanden besonders hervorheben. Lesen ist für mich eine Form von Abschalten und zugleich Inspiration. Es regt zum Nachdenken an und hilft mir dabei, aus anderen Perspektiven auf die Welt zu schauen.

Télécran: Gibt es Orte in Luxemburg, die Ihnen helfen, abzuschalten?

Yuriko Backes: Mein Zuhause ist mein Rückzugsort. Aber auch das Ösling ist ein Ort, an dem ich gut abschalten kann. Und generell gibt es in Luxemburg viele schöne Orte. Ich nehme dieses Jahr auch am "Vélosummer" teil - gemeinsam mit meinem Kollegen Eric Thill bin ich am 21. August "Guide of the Day". Ich freue mich sehr auf diesen Tag.

Télécran: Für welche Art von Musik können Sie sich begeistern?

Yuriko Backes: Das hängt von der Tageszeit ab - oder davon, was ich gerade tue. Beim Yoga mag ich es eher meditativ, ansonsten gerne Rock oder Pop. Wenn ich lese, passt auch mal klassische Musik. Musik ist für mich ein ständiger Begleiter - auch und gerade im Urlaub. Wenn wir beruflich im Auto unterwegs sind, höre ich auch gerne Musik. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen meine Playlist mittlerweile auch schon ziemlich gut. (lacht)

Télécran: Was wünschen Sie sich persönlich und politisch für die zweite Jahreshälfte?

Yuriko Backes: Persönlich wünsche ich mir eine bessere Work Life-Balance - aber ehrlich gesagt bin ich da nicht allzu optimistisch. Auf internationaler Ebene wünsche ich mir vor allem, dass Putin den Krieg in der Ukraine beendet. National, dass wir wieder zur Ruhe kommen - und uns wieder stärker dem Luxemburger Modell widmen können, unseren gesellschaftlichen Herausforderungen, die wir gemeinsam im Dialog anpacken müssen.

Télécran: Frau Backes, vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Urlaub.