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Interview: Tageblatt (Julian Dörr)
Tageblatt: Herr Thill, haben Sie „La Merde" gerade zum ersten Mal gesehen?
Eric Thill: Ich habe es jetzt das erste Mal gesehen, ja. Die Idee wurde mir bei der Pressekonferenz vorgestellt, da hat die Künstlerin Aline Bouvy ein bisschen erklärt, um was es geht. Ich habe jetzt gerade leider nur kurz rein schauen können, fünf Minuten etwa, werde mir den ganzen Film morgen aber noch mal anschauen, wenn es ein bisschen ruhiger ist. Es steckt eine gewisse Komplexität dahinter und die ist auf den ersten Blick vielleicht nicht so einfach zu verstehen. Ich finde aber, dass das hier wirklich sehr gut gelungen ist. Auch dass das Casino einen Teil der Ausstellung mit aus Luxemburg gebracht hat, um ihn mehr als einmal zu benutzen - dieser ökologische Aspekt spielt in der Kulturszene ja auch immer eine Rolle. Mein erster Eindruck ist sehr positiv. Ich sage aber auch ganz klar: Das ist ein Ansatz, auf den man sich einlassen muss. Es braucht eine gewisse Tiefe und Ruhe, um sich mit diesen wichtigen Aspekten auseinandersetzen. Ausgrenzung, Machtverhältnisse, soziale Normen. Das sind delikate und komplexe Themen.
Tageblatt: Die Biennale ist in diesem Jahr politischer denn je. Schon vor einigen Wochen haben Sie einen Brief an Biennale-Leiter Pietrangelo Buttafuoco unterzeichnet, um sich gegen die russische Teilnahme zu positionieren. Wenig später trat die Biennale Jury zurück, die Preisverleihung zu Beginn wurde abgesagt. Hätten Sie gedacht, dass die Situation so eskaliert?
Eric Thill: Hätte ich im ersten Moment nicht gedacht. Das zeigt aber auch, welche Kraft und welchen Stellenwert Kultur hat. Uns als europäische Kulturminister und -ministerinnen war es wichtig, unsere Unterstützung für die Ukraine zu zeigen. Wichtig ist deshalb auch der Protestmarsch morgen (Anm. d. Red.: Am Freitag schloss der luxemburgische Pavillon schon um 16 Uhr, um einen Protestmarsch gegen die Teilnahme Russlands und Israels zu unterstützen). Wir sind stolz auf die künstlerische Freiheit, die wir haben. Und dann ist es klar, dass Kultur auch eine politische Rolle zu spielen hat. Kultur hinterfragt, kritisiert oder spricht gesellschaftliche Themen an, die sonst nicht so sichtbar sind, wie „La Merde". Kunst soll kritisches Denken fördern, sie kann auch provozieren. Problematisch wird es aber, wenn ein Regime, wie zum Beispiel Russland, Kunst als staatliches Instrument benutzt, um ihre Politik, ihre Aggression, ihre Kriegsverbrechen über Kultur zu legitimieren. Das finde ich bedauerlich.
Tageblatt: Würden Sie Russland und Israel gleichsetzen in diesem Kontext, wie die Biennale-Jury es getan hat, als sie ankündigte, Russland und Israel von der Vergabe der Biennale Preise auszuschließen wegen der Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Putin und Netanjahu?
Eric Thill: Diesem Ansatz kann ich zu stimmen. Ich habe eben von Russland gesprochen. Ich erinnere mich an die vergangene Biennale vor zwei Jahren, da hat die Künstlerin, die den israelischen Pavillon bespielt hat, nach einem Tag die Türen geschlossen, weil sie nicht einverstanden war da mit, was die israelische Regierung in Palästina macht. Damit war die israelische Regierung vielleicht nicht einverstanden, aber das ist eben Kunstfreiheit. Eine Demokratie braucht Kunstfreiheit. Ohne eine Kulturszene, die hinterfragt und kritisiert, ist eine Demokratie ganz arm dran. Auf der an deren Seite dürfen Kultur und Kunst nicht missbraucht werden, um die eigene Politik zu verteidigen und schönzureden.
Tageblatt: Ihr bisheriges Biennale-Highlight?
Eric Thill: Das ist noch ein bisschen früh. Aber es ist ein starkes Zeichen, dass die Ukraine hier so präsent ist. Wir waren auf der Eröffnung des ukrainischen Pavillons, wo ich die Kulturministerin wieder getroffen habe. Sie trug einen Pin mit zwei Zahlen. Oben die Zahl der Künstler, die sie nach Venedig eingeladen haben. Und unten die Zahl der Künstler, die vom russischen Regime getötet wurden. Es war mir wichtig, meine Unterstützung zu zeigen. Wir helfen, wo wir können. Es gibt zum Beispiel den Ukraine Cultural Heritage Fund, den wir finanziell unterstützen, aber auch mit der Weitergabe von Wissen oder dem Schutz von ukrainischem Kulturerbe, das wir nach Luxemburg bringen und hier sicher lagern. Ohne eine Kulturszene, die hinterfragt und kritisiert, ist eine Demokratie ganz arm dran.