"Ein Finanzplatz darf nie stillstehen"

Interview mit Gilles Roth im Luxemburger Wort

Luxemburger Wort: Gilles Roth, 2025 war ein doch recht turbulentes Jahr - auch 2026 hat, global gesehen, sehr ereignisreich begonnen.

Gilles Roth: Das stimmt. Geopolitisch sind wir nicht der größte Akteur. Daher schauen wir sehr aufmerksam darauf, was in der Welt geschieht. Wir stehen zur transatlantischen Allianz. Wir stehen zu einer Europäischen Union. Und wir schauen natürlich, wie sich das geoökonomisch auf die Entwicklung unserer Hauptsäule auswirkt, nämlich den Finanzplatz. Wir sind daran interessiert, dass Konflikte friedlich gelöst werden. Wir setzen auf Dialog, Zusammenarbeit und Multilateralismus.

Luxemburger Wort: Wo sehen Sie 2026 Ihre großen Baustellen?

Gilles Roth: Auch 2026 wird uns die Steuerreform mit dem Ziel einer einheitlichen Steuer klasse beschäftigen. Sie bringt den Bürgern mehr Gleichheit, Gerechtigkeit, Planungssicherheit und Entlastung. Und unserer Gesellschaft mehr Miteinander. Eine solche Reform wurde schon seit den 90er Jahren diskutiert, aber bislang nie umgesetzt. Es ist zudem eine große Gesellschaftsreform, die wir dieses Jahr breit diskutieren. 2028 soll die einheitliche Steuerklasse dann in Kraft treten. Darüber hinaus treten wir für eine Finanz- und Haushaltspolitik des "Matenee wuessen" ein - also für nachhaltiges und inklusives Wachstum.

Luxemburger Wort: Schauen wir auf den Finanzplatz Luxemburg, welche Maßnahmen plant die Regierung, um die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Luxemburg zu stärken?

Gilles Roth: Unser Finanzplatz ist mit über 73.000 direkten Arbeitsplätzen und rund 147.000 direkten und indirekten Arbeitsplätzen zentral für Luxemburg. Er ist der Motor unserer Wirtschaft und steht für ein Viertel unseres Bruttoinlandsprodukts. Seine Stärkung gehört daher zu den strategischen Prioritäten meiner Politik. Das bedeutet zum einen, bestehende Säulen wie Fonds, Versicherungen und Banken zu unterstützen. Auf der anderen Seite müssen wir uns natürlich weiterhin diversifizieren. Wir haben aber schon sehr viel gemacht, unter anderem die Senkung der Körperschaftssteuer um einen Prozentpunkt, die Reform der Beteiligungs-Prämie, besondere Regeln für Expats, eine Prämie für junge Berufstätige, die Abschaffung der Abonnementssteuer auf aktiv verwaltete ETFs oder das neue Carried-Interest-System. Und unser Finanzplatz entwickelt sich sehr dynamisch. Es gibt keinen Finanzplatz, der auf dem Niveau des grenzüberschreitenden Vertriebs von Fonds internationaler aufgestellt ist als Luxemburg. Unsere Fonds werden in 80 Ländern weltweit vermarktet. Das heißt, wir sind nicht von einer Region in der Welt abhängig. Im vergangenen Jahr legten luxemburgische Private-Equity- und Private-Debt Fonds um mehr als 20 Prozent zu. Heute entfällt rund ein Drittel der in Luxemburg verwalteten Vermögenswerte auf alternative Fonds. Neben institutionellen Anlegern nutzen auch vermögende Kunden, Family Offices und Privatbanken dieses Segment. Dies zieht neue Akteure an, dar unter große amerikanische und britische Anwaltskanzleien, die Büros in Luxemburg eröffnen. Feststellen muss man klar, dass ein Finanzplatz nie stillstehen darf. Er muss sich immer wieder neu aufstellen. Deshalb setzen wir beständig auf Innovation.

Luxemburger Wort: Wenn Sie Innovation ansprechen: Welche Rolle spielt KI und die Digitalisierung für die Zukunft des Finanzplatzes Luxemburg?

Gilles Roth: KI ist ein "Must have". Im Fintech-Bereich gehört es dazu, zum Beispiel bei der Risikobewertung von Kunden oder der Bewertung von Investmentportfolios.
Der vermehrte Einsatz von XI-Systemen in der Finanzindustrie birgt sicherlich Risiken, aber vor allem viele neue Möglichkeiten und Chancen. Mit generativer KI und XI-Agenten können Unternehmen Betriebsabläufe neu erfinden und somit Umsätze und Produktivität, aber auch die Kundenzufriedenheit steigern. Innovation fördert neue finanzielle Produkte. Wichtig ist hier der sogenannte "Human in the Loop"-Ansatz.
Die Digitalisierung ist für eine Zukunft des Finanzplatzes die finanzpolitische Gretchenfrage. Das höre ich immer wieder im Gespräch mit Verantwortlichen des Finanzplatzes, aber auch auf meinen Finanzmissionen im Ausland. Luxemburg will sich als führender europäischer Knotenpunkt für digitale Vermögenswerte positionieren.
Und es tut sich einiges. Ein anschauliches Beispiel ist die MiCA-Regelung - Markets in Crypto-Assets. Luxemburg entwickelt sich unter der europäischen MiCA-Verordnung, die Anfang 2025 in Kraft getreten ist, rasch zum Drehkreuz für seriöse Krypto-Unternehmen. Ein weiteres Beispiel ist der Luxembourg Intergenerational Sovereign Fund, der FSIL. Als erste Regierung der Eurozone hat Luxemburg diese Investitionspolitik beschlossen, die vorsieht, immer hin ein Prozent der FSIL-Mittel in Bitcoin zu investieren. Um operationelle Risiken zu vermeiden, erfolgt die Anlage in Bitcoin über eine Auswahl von ETFs. Damit beweist Luxemburg einmal mehr sein Engagement für die Unterstützung neuer und zukunftsorientierter Anlagetrends. Luxemburg setzt auch auf die Digitalisierung, um nachhaltige Finanzen zu stärken. Gleichzeitig fördern wir Fintechs im Luxembourg House of Financial Technology. Digitalisierung ist also ein weites Feld. Und wir stehen hier erst am Anfang.

Luxemburger Wort: Welche Rolle spielt Blockchain für den Finanzplatz und wo steht Luxemburg da?

Gilles Roth: Auch Blockchain ist sehr vielversprechend. Wir haben deshalb schon früh durch Gesetze Meilensteine gesetzt. Wir haben unsere Gesetzgebung schrittweise angepasst, um den Akteuren, die Blockchain nutzen, Rechtssicherheit zu geben, sei es für die Emission digitaler Anleihen oder die Tokenisierung von Fonds. In diesem Zusammenhang möchte ich besonders auf den Control Agent im vierten Blockchain-Gesetz verweisen, der eine Vereinfachung des Managements und der Kontrolle von tokenisierten Finanzinstrumenten ermöglicht und so Kosten bei gleichzeitig erhöhter Effizienz spart. Es gibt bereits konkrete Initiativen: Die Europäische Investitionsbank hat in Luxemburg eine digitale Anleihe begeben, die HSBC hat hier ein Zentrum für ihre Aktivitäten im Bereich digitale Vermögenswerte eingerichtet und Franklin Templeton hat den ersten tokenisierten Geldmarktfonds in Europa aufgelegt. Die Tokenisierung eröffnet Vermögensverwaltern neue Vertriebskanäle. Das trifft auch auf den öffentlichen Sektor zu. So hat das Schatzamt im Juni 2025 erstmals digitale Zertifikate ausgegeben, deren Emission vollständig über die DLT-Plattform "HSBC-Orion" erfolgte.

Luxemburger Wort: Dabei setzt Luxemburg seit Langem auf Nachhaltigkeit. Ist in diesen Krisenzeiten noch Geld dafür da?

Gilles Roth: Klar ist für uns: ohne Nachhaltigkeit keine Zukunft. Keine ökologische, aber auch keine wirtschaftliche und soziale. Investitionen in Nachhaltigkeit sind immer gut angelegtes Geld. Nachhaltigkeit ist und bleibt also ein wichtiges Thema. Luxemburg ist nicht von ungefähr weltweit führend im Bereich der nachhaltigen Finanzwirtschaft. Und wir sind entschlossen, noch weiterzugehen - mit einer klaren Strategie und konkreten Maßnahmen. Das Großherzogtum engagiert sich seit Anfang der 1990 er Jahre mit der Gründung der ersten luxemburgischen Mikrofinanzinstitute aktiv in der Mikrofinanzbranche. Heute hat fast ein Drittel aller globalen Microfinance Investment Vehicles ihren Sitz in Luxemburg und macht mehr als 50 Prozent des globalen Assets under Management in diesen spezialisierten Finanzstrukturen aus. Überdies finanziert mein Ministerium die Luxembourg Sustainable Finance Initiative, die Nachhaltigkeit gezielt fördert und beispielsweise Fondsmanager in diesem Sinne weiterbildet. Mit dem International Climate Finance Accelerator, einem Public-Private-Partnership, helfen wir Fondsmanagern beim Aufsetzen innovativer Klimafonds. Über den Amundi Planet Emerging Green One Fund, einem Joint Venture mit der International Finance Corporation, investiert Luxemburg in grüne Anleihen, die von Banken in Entwicklungsländern ausgegeben werden. Des Weiteren unterstützen wir gemein sam mit der Europäischen Investitionsbank Investitionen über die EIB Climate Finance Platform. Das sind alles langfristige Engagements. Wir sind auch 2020 das erste Land in Europa gewesen, das eine Nachhaltigkeitsanleihe herausgegeben hat. Darüber hinaus habe ich 2024 einen Aktionsplan vorgestellt, der Nachhaltigkeitsziele durch einen ganzen Fächer von Maß nahmen unterstützt.

Luxemburger Wort: Am vergangenen Freitag haben Sie noch eine Ankündigung gemacht, die für Schlagzeilen sorgt...

Gilles Roth: Ja, das Finanzministerium hat die Einrichtung eines Beirats für künstliche Intelligenz im Finanzwesen bekannt gegeben, das sogenannte "AI advisory board". Es wird uns in Fragen der strategischen Entwicklung und des verantwortungsvollen Einsatzes von KI im Finanzdienstleistungsbereich beraten und damit die Wettbewerbsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und Wertschöpfung Luxemburgs für Wirtschaft und Gesellschaft unterstützen. Die Experten kommen aus der ganzen Welt, von namhaften Unternehmen und akademischen Institutionen. Ihr Rat ist für unsere Entwicklung sehr wichtig.

Luxemburger Wort: Für diese Entwicklung brauchen Sie aber auch gute Leute für den Finanzplatz?

Gilles Roth: Ja, wir brauchen nicht nur Instrumente, sondern auch Leute. Ein attraktivessteuerliches Umfeld ist wichtig, um Talente anzuziehen. Deshalb haben wir das "talent attraction programm" aufgelegt. Es kommt gut an. Talente sind oft jung und suchen Steuervorteile. Unsere einheitliche Steuerklasse - wir hatten ja schon gesagt, dass man bei 50.000 bis 75.000 Euro dann 2.600 Euro netto hat - bringt natürlich auch den Berufsanfängern etwas, weil sie oft in dieser Gehaltsklasse arbeiten. Es ist schon gewollt, dass wir hier die Steuerlast senken, dass Berufsanfänger entlastet werden. Um mehr Talente auszubilden, kooperieren wir mit Universitäten. Neben der Erweiterung unserer Kooperation mit der Universität Luxemburg, zu der zwei neue Lehrstühle zu Versicherungsmathematik und Private Assets gehören, sind daher weitere geplant, etwa mit der McGill University in Kanada. Ziel ist es, hochqualifizierte Fachkräfte dauerhaft anzuziehen.

Luxemburger Wort: Wenn Sie auf Neuerungen verweisen: Neu ist der Luxemburger Defense Bond, der aktuell national als auch international in aller Munde ist. Was ist das genau? Wir befinden uns in einer sicherheitspolitischen Zeitenwende. Sicherheit gibt es jedoch nicht zum Nulltarif. Unser Defense Bond ermöglicht die Mobilisierung privaten Kapitals sowie Solidarität durch Bürger-Teilnahme. Die Verteidigungsanleihe ist ein Finanzinstrument, das von Luxemburg zur Unterstützung seiner nationalen Verteidigungsfinanzierung eingeführt wird. Wir sind das erste europäische Land, das diesen Weg geht. Unsere Anleihe ermöglicht es den Bürgern, direkt zur nationalen Verteidigung beizutragen und gleichzeitig von einer sicheren und rentablen Anlage zu profitieren. Eine Win-Win-Investition für Bürger und Staat. Die Schnelligkeit, mit der die gesamte Emission nun binnen kürzester Zeit gezeichnet wurde, zeugt vom Vertrauen der Bürger in die Maßnahmen der Regierung und die Solidität unserer öffentlichen Finanzen sowie von ihrer Bereitschaft, sich an der Finanzierung unserer nationalen Sicherheit zu beteiligen. Dieser Erfolg bestätigt die Relevanz der Defence Bonds als innovatives und zugängliches Instrument sowie die Fähigkeit der Staatskasse und unseres Finanzplatzes, innovative Lösungen anzubieten, die den aktuellen Herausforderungen gerecht werden (Anmerkung der Redaktion: Der Defence Bond im Wert von 150 Millionen Euro mit einer Laufzeit von drei Jahren und einem festen Zinssatz von 2,25 Prozent wurde so strukturiert, dass er eine breite Zugänglichkeit gewährleistet, mit Zeichnungstranchen ab 1.000 Euro und einer Obergrenze von 150.000 Euro pro Person und Bank. Die Zinsen dieser Anleihe sind für in Luxemburg ansässige Personen von der Einkommensteuer befreit). Übrigens hat das Parlament zudem angeregt, dass ein ähnliches Modell auch für den Wohnungsbau genutzt werden könnte - als Sparinstrument für Privathaushalte, mit dem in nationale Wohnungsbauprogramme investiert werden könnte.

Membre du gouvernement

ROTH Gilles