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"Wachstum bleibt entscheidend für das Sozialmodell"
Interview mit Lex Delles im Luxemburger WortInterview: Luxemburger Wort (Jean-Philippe Schmit)
Luxemburger Wort: Lex Delles, die Wirtschaft Luxemburgs hat schwierige Jahre hinter sich. Es gab wenig - auch negatives - Wachstum. In welche Richtung wird es 2026 gehen?
Lex Delles: Traditionell wuchs die Wirtschaft Luxemburgs zwischen den 1990er- und 2020er-Jahren um drei Prozent pro Jahr, auch bei der Beschäftigung gab es ähnliche Wachstumsraten. Seit der Corona-Pandemie und den internationalen Konflikten gibt es viele wirtschaftliche Ungewissheiten. Diese ökonomische Unsicherheit und die fehlende Vorhersehbarkeit führen dazu, dass viele Investitionen auf Eis gelegt wurden. Das hat sich direkt auf das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung ausgewirkt. Wir kommen gerade aus einer kleinen Rezession. Umso mehr freue ich mich, dass wir in den vergangenen vier Quartalen Wirtschaftswachstum hatten und der Statec für 2026 mit einer Wachstumsrate von 1,7 Prozent rechnet. Diese Prognose teilen auch andere Institutionen wie die OECD, der IWF oder die Europäische Kommission. Die Prognosen gehen davon aus, dass die Arbeitslosenquote von 5,9 auf 5,6 Prozent bis 2027 sinken wird. Dass wir die Rezession überwunden haben, ist positiv. Dennoch bleibt die Situation in allen Wirtschaftssektoren, auch in der Industrie, angespannt.
Luxemburger Wort: Warum benötigt Luxemburg Wirtschaftswachstum?
Lex Delles: Um unser Sozialmodell beibehalten zu können, benötigen wir Wachstum. Der größte Teil des Staatsbudgets fließt in Sozialtransfers. Dieses Geld muss zuerst erwirtschaftet werden - das tut nun mal die Wirtschaft. Es gibt jedoch auch Stimmen, die sagen: "Wir brauchen kein Wachstum" und "Entwachstum" fordern. Welche Folgen ausbleibendes Wachstum hat, haben wir in den vergangenen Jahren gesehen. Die Baubranche steckt inzwischen im dritten Krisenjahr. Es gab viele Firmenpleiten und Entlassungen. Das werden auch die Folgen der geforderten "Décroissance" sein.
Luxemburger Wort: Was sind die Folgen der Baukrise?
Lex Delles: Die Insolvenzen haben zu einem großen Vertrauensverlust geführt. Viele Käufer fragen sich, ob das Unternehmen die Bauprojekte fertigstellen kann. Traditionell war die "Vente en l'état futur d'achèvement" (Vefa), also der Kauf einer Immobilie nach Plan, das luxemburgische Modell.
Hier gab es einen Wandel im Käuferverhalten. In den Zahlen sehen wir, dass Altbauten häufiger verkauft werden und die Preise ansteigen. Während der Krise hatte der Minister für Wohnungsbau, Claude Meisch, einen Plan aufgelegt, um solche Vefas zu kaufen. Das führte dazu, dass die Zahl der Verkäufe wieder zunahm.
Luxemburger Wort: Es gab Zeiten, in denen der Wertzuwachs bei Immobilien grenzenlos schien. Werden diese Zeiten zurückkehren?
Lex Delles: Ich denke, dass die in den vergangenen drei Jahren nicht gebauten Wohnungen die Wohnungsnot in Zukunft vergrößern könnten. Der Staat setzt sich jedoch verstärkt dafür ein, Sozialwohnungen zu bauen und die Situation mit konkreten Maß nahmen zu entschärfen.
Luxemburger Wort: Was macht ein liberaler Wirtschaftsminister anders als der sozialistische Vorgänger?
Lex Delles: Ich werde mich nie mit anderen vergleichen, denn jeder hat seine eigene Handschrift. Wir dürfen nicht vergessen, dass Agilität und Berechenbarkeit für ein kleines Land mit offener Wirtschaft von großer Bedeutung sind. Ein Teil der Erfolgsgeschichte Luxemburgs beruht darauf, dass sich alle Regierungen den Engagements der Vorgängerregierungen verpflichtet fühlen. Ein Beispiel ist der Spacesektor. Luxemburg ist heute in diesem Bereich stark, weil die Regierung in den 1980er-Jahren das damals kleine Start-up SES gefördert hat und alle Folgeregierungen dem Sektor treu geblieben sind. In anderen Ländern mag es der Fall sein, dass ein Wirtschaftsminister etwa den Gesundheitssektor fördert, sein Nachfolger jedoch einen ganz anderen. Das wäre Gift für die Wirtschaft. In Luxemburg gibt es den parteiübergreifenden Konsens, unsere Wirtschaft nicht abzuwürgen, sondern sie immer weiter voranzutreiben. Je der Minister setzt seine eigenen Akzente, doch die Verpflichtung bleibt bestehen. Mir ist der enge Austausch mit den Unternehmen wichtig. Ich möchte ihnen zuhören und erfahren, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind. Ein regelmäßiger Austausch mit Unternehmen hilft dabei, die entsprechenden Probleme zu identifizieren und politische Maßnahmen vorzuschlagen.
Luxemburger Wort: Welche sind diese?
Lex Delles: Ein Thema sind die Strompreise - vor allem, als durch den Krieg in der Ukraine die Preise des Gases durch die Decke gingen. Wir sehen, dass die Strompreise in Asien oder Amerika unter denen in Europa liegen. Aus diesem Grund haben wir im vergangenen Jahr ein Gesetz verabschiedet, um das Stromnetz mit 150 Millionen Euro zu bezuschussen und die Strompreise nicht nur für Haushalte, sondern auch für Betriebe und die Industrie zu senken.
In Gewerbegebieten sollen zudem Windkrafträder gebaut werden dürfen. So kann der Strom vor Ort verbraucht werden, was das Stromnetz entlastet und es der Industrie ermöglicht, zu wettbewerbsfähigen Preisen zu arbeiten. Während der Energiekrise haben wir gesehen, dass man, wenn man eine eigene Solaranlage auf dem Dach hat, unabhängiger von Entscheidungen ist, die im Ausland getroffen werden. Aus diesem Grund ist auch die Vorfinanzierung bei Solaranlagen wichtig, die wir eingeführt haben. Diese Maßnahme soll es jedem Haushalt ermöglichen, eine solche Anlage zu installieren, durch eine finanzielle Unterstützung bei der Anzahlung. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass wir es im Jahr 2025 geschafft haben, mehr Strom zu produzieren, als die Haushalte verbraucht haben. Die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien in Luxemburg hätte also den Verbrauch aller Haushalte decken können.
Luxemburger Wort: Wäre ein Stromausfall, wie zuletzt in Deutschland, auch in Luxemburg möglich?
Lex Delles: Das kann man leider nie ganz ausschließen. Wir müssen dafür sorgen, dass es nicht passiert. Wir haben Resilienzpläne erstellt. Wenn irgendwo etwas ausfällt, wird der Strom umgeleitet. Vor kurzem kam es durch einen Unfall mit einem Last wagen zu einem Stromausfall. In diesem Fall wurde der Stromfluss umgeleitet und der Ausfall war nach wenigen Minuten, maximal einer halben Stunde, behoben. Wenn aber, wie in Deutschland, eine Hauptleitung betroffen ist, hat der Ausfall eine komplett andere Dimension. Aber auch hierfür gibt es Pläne.
Luxemburger Wort: LuxTrust steht in der Kritik. Was war bei dem Ausfall vorgefallen?
Lex Delles: Es gab einen Hardwarefehler, also einen maschinellen Defekt. An einer Platine war ein Kondensator verbrannt, wodurch das gesamte Rack ausfiel. Auf dieser Platine waren alle Daten gespeichert. Um solchen Fällen vorzubeugen, ist das System redundant, d. h., es gibt ein zweites Rack. Hier war der zweite Fehler passiert: Die Software schaltete vom ausgefallenen Rack nicht auf den zweiten, sondern auf einen dritten Server um. Es dauerte Stunden, die Daten auf diesen dritten Rack hochzuladen. So etwas darf nicht passieren, das ist inakzeptabel. Das Vertrauen der Kunden ist das Wichtigste, das LuxTrust besitzt.
Luxemburger Wort: LuxTrust ist Monopolist, wird nun an Alter nativen gedacht?
Lex Delles: Zu einer Zeit, in der es noch keine anderen Lösungen gab, hat der Staat LuxTrust ins Leben gerufen. Das war damals die richtige Entscheidung. Jedes System braucht eine kritische Masse, um funktionieren zu können. Wenn nur eine Bank das System nutzt, hat sich der ganze Auf wand nicht gelohnt. Jetzt ist die Situation eine ganz andere. Bei LuxTrust wird der zeit aufgearbeitet, was vorgefallen ist, und es wird dafür Sorge getragen, dass sich das nicht wiederholt. Es wird geprüft, wie ein Backup des Backups erstellt werden kann.
Gleichzeitig wird untersucht, welche Systeme im Falle eines weiteren Ausfalls genutzt werden können. Ich wiederhole: Es ist inakzeptabel, dass eine solche Panne passiert ist. LuxTrust ist von entscheiden der Bedeutung für das Funktionieren des Systems Luxemburg.
Luxemburger Wort: Wie sieht es bei Betrugsfällen aus, bei denen auch LuxTrust eine Rolle spielt?
Lex Delles: Früher erhielt man E-Mails, in denen mitgeteilt wurde, dass ein Onkel aus Botswana, der Diamanthändler war, ein Erbe hinterlassen hätte. Man müsse nur seine Visanummer hinterlassen, dann würden Millionen überwiesen. Heute fällt niemand mehr auf diesen Trick herein. Auch bei LuxTrust wird immer wieder versucht, an die Daten der Nutzer zu gelangen. LuxTrust wurde nie gehackt und ist somit sicher - abgesehen vom menschlichen Faktor. Wenn Sie versuchen würden, mit meiner Visakarte einzukaufen, würde das nicht funktionieren - es sei denn, Sie rufen mich an und bringen mich dazu, bei LuxTrust auf "ok" zu klicken. Genau dann ist es passiert, es war aber mein Fehler. Es braucht noch Aufklärung, dass niemand mehr auf diesen Betrug hereinfällt.
Luxemburger Wort: Gab es 2025 auch positive Überraschungen für den Wirtschaftsminister?
Lex Delles: Im Jahr 2025 gab es viele negative Meldungen, etwa wenn ein weiteres Unternehmen aus der Baubranche insolvent ging. Es gab aber auch positive Meldungen aus der Wirtschaft: Vodafone hat sich beispielsweise entschlossen, in Bettemburg ein neues Logistikzentrum für ganz Europa zu bauen. Higer, ein Hersteller von E-Bussen, hat in Luxemburg sein europäisches Ersatzteil- und Servicezentrum eröffnet. Blue Origin hat sich niedergelassen und Google hat erstmals ein Büro eröffnet.Dies war nur möglich, weil wir in den jeweiligen Bereichen ein gutes Ökosystem geschaffen haben.
Luxemburger Wort: In welchen Bereichen der Wirtschaft kann Luxemburg noch wachsen? Wird der Verteidigungssektor für neues Wachstum sorgen?
Lex Delles: Tatsächlich gibt es mit der Verteidigung einen Sektor, über den vor ein paar Jahren noch niemand sprach. Es ist ein Markt, der weiterwachsen wird. Wir stehen in engem Kontakt mit dem Außen- und dem Verteidigungsministerium. Unser Ziel ist es, sicherzustellen, dass die steigenden Ausgaben auch einen Nutzen für die luxemburgische Wirtschaft haben. Es gibt bereits heute luxemburgische Betriebe, die im Verteidigungssektor aktiv sind, sei es im Bereich Cyber, Space oder Materialwissenschaft. Wir sind dabei, weitere Unter nehmen aus diesem Bereich nach Luxemburg zu bringen.
Luxemburger Wort: Geopolitische Unsicherheiten sind ein großes Risiko für 2026. Wie schafft es Luxemburg auch durch diese Zeiten?
Lex Delles: Die geopolitische Situation ist schwierig. Die Zukunft ist schwer vorauszusehen. Das größte Risiko sind die vielen Unsicherheiten: Kommen die amerikanischen Zölle oder kommen sie nicht? Welche neu en Absatzmärkte können wir für unsere Industrie erschließen? Werden die Lieferketten erneut unterbrochen? Aus diesem Grund müssen wir den europäischen Binnenmarkt stärken. Europa hat eine große Kaufkraft, die immer noch durch Handelsbarrieren gebremst wird. Ich denke dabei an Vorgaben, die vorschreiben, sich bei Großhändlern in bestimmten Ländern zu versorgen, oder an das Geoblocking bei Streamingdiensten. Im europäischen Rat der Wirtschaftsminister merke ich, dass die Minister die Schultern enger zusammenstecken und den Binnenmarkt stärken wollen.