"Ressentiments müssen außen vor bleiben"

Interview mit Martine Deprez im Luxemburger Wort

Interview: Luxemburger Wort (Martina Folscheid)

Luxemburger Wort: Martine Deprez, AMMD-Präsident Chris Roller hat Sie in dem Interview am 12. August mit dem "Wort" hart angegangen: Sie würden nicht mehr mit ihm kommunizieren, sondern nur noch mit anderen Mitgliedern des Verwaltungsrates. Zudem würden Sie Informationen platzieren. Was sagen Sie dazu?

Martine Deprez: Es hat mich erstaunt. Fakt ist, dass wir uns seit Januar in Arbeitsgruppen treffen, die ich einberufen habe, und in denen ich sowohl zu Beginn als auch zuletzt persönlich dabei war. Da habe ich Chris Roller gesehen. Am 22. Juni wurden wir von Premier Luc Frieden empfangen. Von da an habe ich nicht mehr interveniert. Aber weil es lange gedauert hat, habe ich zum Telefon gegriffen, um den Stand der Dinge zu erfahren. Ich rief tatsächlich zwei Ärzte an, die Mitglied im AMMD Verwaltungsrat sind, die ich auch schon vorher mal angerufen hatte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, dass ich nicht Chris Roller kontaktiert habe. Das heißt, wenn er sich übergangen gefühlt hat, dann tut mir das leid.

Ich habe auch nicht etwa gefragt, was die AMMD denkt und macht. Sondern angesichts des nahenden Endes der Frist der Mediation am 13. August wollte ich wissen, wann sie glauben, eine Antwort auf das, was in der Sitzung gesagt wurde, geben zu können. Wohlwissend, dass es eigentlich der Premier war, der mit ihnen im Kommunikationsprozess stand.

Luxemburger Wort: Eine weitere Aussage von Chris Roller lautete, Sie wollten wahrscheinlich auch versuchen, einen Keil zwischen die Médecins du secteur hospitaliers asbl (MSH) und die AMMD zu treiben. Wie lautet Ihre Reaktion darauf?

Martine Deprez: Ich habe die Vereinigung einmal empfangen, auf ihre Initiative hin. Generell liegt es mir fern, einen Keil zwischen Menschen zu treiben. Denn wir müssen im Interesse des Patienten alle zusammenarbeiten. Das funktioniert nicht mit einer zersplitterten Ärzteschaft, sondern nur mit einer geeinten.

Luxemburger Wort: Premier Luc Frieden sagte in einer Reaktion auf dasselbe Interview, seine Tür, und auch die ihrige, würden weiter offenstehen, um Gespräche über eine Reihe der Anliegen der AMMD weiterzuführen. Ist es schwierig, angesichts der Vorwürfe von einer offenen Tür zu sprechen?

Martine Deprez: Wenn man konstruktiv zusammenarbeiten will und nicht immer derselben Meinung ist, dann gibt es natürlich kontroverse Diskussionen. Die muss man aushalten. Hier war nun ein Zwischenpunkt, der gemacht werden musste, weil wir uns in einer Prozedur mit der CNS befinden. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht auf einer anderen Ebene, die nichts mit der Konvention zu tun hat, weiter diskutieren kann.

Luxemburger Wort: In den Arbeitsgruppen wird weiterdiskutiert, aber wie gelingt dies, wenn das Klima nicht gut ist und man trotzdem miteinander arbeiten muss?

Martine Deprez: Wir sind erwachsene, professionelle Menschen, und es geht um das Gesundheitssystem, um den Patienten. Und sobald es um den Patienten geht, müssen persönliche Ressentiments auf beiden Seiten außen vor gelassen werden.

Luxemburger Wort: Laut MSH-Präsidentin Monique Reiff fehlt eine langfristige Vision des Gesundheitssystems, die über eine oder mehrere Legislaturperioden hinausgeht. Aber ist dies in dem schnelllebigen Politbetrieb von heute überhaupt noch möglich?

Martine Deprez: Diese Aussage habe ich nicht zum ersten Mal gehört. Ich bin ja nun seit zweieinhalb Jahren im Amt und habe die MSH in der Zeit empfangen. Auch im Wahlkampf war von einer Perspektive für den Gesundheitssektor für die nächsten 15, 20 Jahre die Rede. Ich erlebe tagtäglich, dass der Sektor auf jeden Fall baulich gedacht wird, denn es gibt sehr viele Projekte, die sich über die nächsten 20 Jahre erstrecken.

Schwieriger, was längerfristige Perspektiven angeht, wird es bei der Vernetzung, der Digitalisierung innerhalb des Behandlungspfads des Patienten. Die Anpassung an medizinische Fortschritte muss schnell erfolgen. Ein Behandlungsplan kann sich von heute auf morgen ändern. Da müssen wir flexibler werden und uns in puncto Digitalisierung besser aufstellen.

Aber wir arbeiten am European Health Data Space (EU-Rahmen zum Austausch elektronischer Gesundheitsdaten, Anm. d. R.) und sind dabei, ein neues Dossier de soin partagé umzusetzen. Da wird in den nächsten zwei Jahren noch vieles bewegt werden können.

Luxemburger Wort: Am 17. August hat der Regierungsrat die beiden großherzoglichen Reglemente für die Ärzte und die Zahnärzte angenommen, die nun auf den Instanzenweg gehen. Theoretisch könnten sich bis zum 30. Oktober die Partner noch einig werden. Wenn Sie in sich hineinhorchen: Was sagt Ihnen Ihr Bauchgefühl?

Martine Deprez: Normalerweise gibt mir mein Bauchgefühl oft gute Ratschläge. Hier habe ich im Moment eigentlich überhaupt kein richtiges Bauchgefühl. Wir befinden uns in einer legislativen, einer reglementarischen Prozedur, die wir jetzt durchziehen müssen.

Das Perplexe daran ist, dass wir nun eine Konvention in ein großherzogliches Reglement überführen, was gar nicht das Thema der Diskussionen war. Sondern das Thema ist die Architektur unseres Gesundheitssystems. Wollen wir dieses noch stärker liberalisieren? Oder wollen wir dort bleiben, wo wir stehen? Weder das eine noch das andere ist gut. Was wir wollen, ist eine bessere Erreichbarkeit der Medizin für den Patienten. Jeder Patient soll so schnell wie möglich das bekommen, was er braucht.

In dem Sinne wurden die Arbeitsgruppen aufgestellt, damit wir lang bestehende Missstände des Systems, die Ärzte festgestellt haben, aufnehmen und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen suchen.

Luxemburger Wort: Was die Überführung der Konvention in die Reglemente angeht, werden sich manche Bürger vielleicht sorgen, dass sie künftig mehr für Arztleistungen bezahlen müssen. Aber das schließen Sie aus?

Martine Deprez: Das ist völlig ausgeschlossen. Aufgrund dieser Prozedur wird keine Leistung teurer, niemand zahlt mehr beim Doktor. Die Tarife sind in der Nomenklatur fixiert, diese wird durch das Reglement nicht angerührt.