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Zurück zur Natur
Interview mit Serge Wilmes in der RevueInterview: Revue (Eric Hanus)
Revue: Herr Minister, können Sie uns in einigen Sätzen Sinn und Zweck des nationalen Wiederherstellungsplans erklären?
Serge Wilmes: Mit dem Nationalen Wiederherstellungsplan für die Natur, kurz NRP, will Luxemburg die Ziele der europäischen "Nature Restoration Regulation" (NRR) umsetzen. Darin werden konkrete, messbare Zielvorgaben festgelegt, die sich auf bestimmte Flächen im Land beziehen. Sie basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und sollen dazu beitragen, den Zustand der Natur nachhaltig zu verbessern. Gleichzeitig wird im Plan genau definiert, welche Restaurationsmaßnahmen notwendig sind, um diese Ziele zu erreichen. Das übergeordnete Ziel ist es, die europäischen Vorgaben zur Wiederherstellung der Natur zu erfüllen: Bis 2030 sollen mindestens 20 Prozent der EU-Flächen in einen besseren Zustand versetzt werden, und bis 2050 sollen sämtliche geschädigten Ökosysteme restauriert sein. Diese Maßnahmen schaffen gesündere und widerstandsfähigere Lebensräume, die nicht nur für die Biodiversität von zentraler Bedeutung sind, sondern auch dabei helfen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, CO, zu speichern und die Ernährungssicherheit zu stärken.
Revue: Sie haben sich in diesem Zusammenhang für eine Bürgerbeteiligung entschieden. Was erwarten Sie sich von dieser Herangehensweise? Und wie können sich die Bürger konkret einbringen?
Serge Wilmes: Eine öffentliche Beteiligung sorgt dafür, dass der gesamte Prozess transparent ist und jeder seine Stimme einbringen kann, um an der Ausarbeitung des Plans mitzuwirken. Durch diese Beteiligung erhalten wir wichtige und konstruktive Beiträge, die uns helfen, Ziele zu definieren, die realistisch, ambitioniert und sowohl für die Natur als auch für die Akteure vor Ort sinnvoll sind. Im Idealfall entstehen so Zielsetzungen, die von einem breiten Konsens getragen werden.
Revue: Was sind die Schlüsselelemente?
Serge Wilmes: Im Mittelpunkt der Beteiligung steht eine vorläufige Version des Plans, die online kommentiert werden kann. Parallel dazu finden Treffen mit Experten und Interessengruppen statt sowie regionale Workshops, die die Diskussionen auf lokaler Ebene vertiefen und eine breite Beteiligung ermöglichen.
Revue: Bis wann soll der NRP stehen?
Serge Wilmes: Die Beteiligung läuft noch bis zum 6. Mai. In dieser Zeit finden sowohl Workshops als auch Gespräche mit Experten und Interessengruppen statt. Anfang Juni soll eine finale Version vorliegen, in der die Beiträge aus der Beteiligung so weit wie möglich berücksichtigt sind. Anschließend wird der Plan im Juni dem Regierungsrat vorgelegt, und die endgültige Fassung soll Anfang September an die EU-Kommission übermittelt werden.
Revue: Die EU sieht eine ganze Reihe ambitionierter Vorgaben vor. Wo liegen für uns die Prioritäten?
Serge Wilmes: Ein besonderer Fokus liegt für Luxemburg auf der Wiederherstellung von Feuchtgebieten sowie der Renaturierung von Flüssen und Bächen. Diese Maßnahmen haben einen besonders großen positiven Effekt, um die Folgen des Klimawandels - etwa Überschwemmungen - zu reduzieren, die Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie zu erreichen und die Biodiversität zu fördern. Eine weitere Priorität ist der Artenschutz sowie die Aufwertung degradierter, besonders geschützter Lebensräume im Offenland, um den Artenverlust zu stoppen und unter anderem Bestäuber zu unterstützen. Darüber hinaus geht es darum, unsere Wälder so aufzustellen, dass sie den klimatischen Veränderungen standhalten, und Städte durch mehr Bäume und Grünflächen artenreicher und lebenswerter zu gestalten - mit positiven Effekten auf die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen.
Revue: Und wie kann der NRP helfen?
Serge Wilmes: Der Plan konkretisiert Ziele, die bereits in anderen wichtigen Strategien und Programmen festgelegt sind - etwa im dritten Nationalen Naturschutzplan (PNPN3), in der Klimaanpassungsstrategie oder im Wasserbewirtschaftungsplan. Zudem werden prioritäre Flächen identifiziert, auf denen Restaurationsprojekte besonders erfolgreich umgesetzt werden können. Gleichzeitig verknüpft der Plan Maßnahmen aus verschiedenen Strategien, die ähnliche Zielsetzungen verfolgen.
Revue: Wo steht Luxemburg derzeit? Gibt es ein Defizit im Vergleich zu den Erwartungen?
Serge Wilmes: Was die Restaurierung - also die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume - betrifft, muss man feststellen, dass sich die Fläche und der Zustand vieler geschützter Lebensräume trotz erheblicher Anstrengungen bislang nicht spürbar verbessert haben. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Ökosysteme Zeit brauchen, um auf Maßnahmen zu reagieren. Dank unserer Gesetzgebung, der Umsetzung zahlreicher lokaler Projekte und eines konsequenten Managements der Schutzgebiete sollten sich nach und nach Verbesserungen zeigen. Bei der Renaturierung von Gewässern sind allerdings weiterhin große Anstrengungen erforderlich. Genau deshalb habe ich den "Renaturierungsdësch" ins Leben gerufen - um gemeinsam nach Lösungen zu suchen und die Umsetzung gezielt zu beschleunigen.
Revue: Befinden sich noch andere Projekte diesbezüglich in Planung? Oder wurden schon welche umgesetzt?
Serge Wilmes: Die Ziele des NRP konkretisieren die Res taurationsziele aus dem dritten Nationalen Naturschutzplan. Darin werden jene Flächen definiert, auf denen die verschiedenen Projekte prioritär umgesetzt werden sollen. Schon heute sind zahlreiche Projekte im Gange: In den Jahren 2022 und 2023 wurden über Projektaufrufe des Umweltfonds 23 Projekte im Offenland, im Grünland und in Feuchtgebieten gestartet, darunter auch Initiativen zur Förderung von Bestäubern. Insgesamt wurden dafür rund 22 Millionen Euro bereitgestellt. Im Bereich der Gewässer wurden zwischen 2020 und 2024 zu dem etwa 25 Millionen Euro über den Wasserfonds investiert.
Revue: Renaturierung beziehungsweise Naturschutz im Allgemeinen stößt sich mitunter auch an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten - etwa in der Landwirtschaft, bei Eigentümern von Flächen und Wäldern oder in Unternehmen. Wie sollen diese Akteure eingebunden werden?
Serge Wilmes: Eine gesunde Umwelt ist die Grundlage unseres Lebens. Die Wiederherstellung der Natur bedeutet daher, dass wir unsere künftigen Lebensgrundlagen schützen. Intakte Ökosysteme helfen uns, den Klimawandel zu bewältigen, verbessern unsere Lebensqualität und sichern den Zugang zu essenziellen Ressourcen wie Wasser und Lebensmitteln. Durch die öffentliche Beteiligung erhält zudem jeder die Möglichkeit, aktiv an der Festlegung von Prioritäten und Maßnahmen mitzuwirken.
Revue: Besteht nicht die Gefahr, dass die ambitionierten Ziele an der Realität scheitern?
Serge Wilmes: Genau aus diesem Grund ist der Beitrag aller Akteure so wichtig. Die öffentliche Beteiligung ermöglicht es, die Ziele so zu definieren, dass sie zu den europäischen Vorgaben beitragen und gleichzeitig den Bedürfnissen der verschiedenen Nutzer gerecht werden. Durch diese Zusammenarbeit können neue Synergien entstehen.
Revue: Wie wollen Sie sicherstellen, dass die öffentliche Beteiligung mehr ist als nur eine Formalität?
Serge Wilmes: Jeder einzelne Beitrag wird analysiert und fachlich bewertet. Wenn sich zeigt, dass er umsetzbar ist und einen konkreten Beitrag zu den Restaurationszielen leisten kann, wird er in die Finalisierung des Plans integriert. Abschließend wird ein transparenter Bericht veröffentlicht, der einen Überblick über die Vorschläge und Anmerkungen gibt und auch aufzeigt, welche davon übernommen wurden beziehungsweise warum andere nicht berücksichtigt werden konnten.
Revue: Wie kann man garantieren, dass es nicht bei Gesprächen bleibt, sondern der NRP anschließend auch tatsächlich umgesetzt wird?
Serge Wilmes: Der Plan baut auf bestehenden sektoralen und nationalen Strategien auf und bündelt Ziele und Maßnahmen so, dass einzelne Maß nahmen im Idealfall mehrere Restaurationsziele gleichzeitig erreichen. Dadurch wird die Effizienz der Umsetzung gestärkt. Zudem sind die Prioritäten bereits im mehrjährigen Budget der kommenden Jahre berücksichtigt, und unsere Gesetzgebung stellt sicher, dass Lebensräume nicht weiter degradiert werden. Viele Projekte, die zu den Zielen des NRP beitragen, befinden sich bereits in der Umsetzung. Parallel dazu arbeiten wir an einem modernen und verlässlichen Datenmanagement. Dieses ermöglicht es, den Fortschritt kontinuierlich zu verfolgen und bei Bedarf gezielt nachzusteuern. So bleibt der NRP ein dynamischer Plan, der effektiv und transparent umgesetzt wird.