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"Behindert ist man nicht - behindert wird man" - Ein Aktionsplan, der behinderten Menschen den Alltag erleichtern soll
Nicht Menschen mit Behinderungen müssen sich ihrer Umgebung anpassen, die Umwelt muss sich an die Menschen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit anpassen. Unsere Gesellschaft muss offener werden.
Unwissenheit, Berührungsängste, Mangel an Informationen in leichter Sprache und in zugänglichen Formaten sowie bauliche Hindernisse sind nur kleine Kostproben aus einem langen Katalog von Hürden, die sich Personen mit Behinderungen im alltäglichen Leben in den Weg stellen.
Am 2. Juli, also fast genau 3 Monate nach der ersten Sitzung, haben sich knapp 100 Interessierte in Remich getroffen, um in 9 Arbeitsgruppen die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention voranzutreiben. Es wurden Lösungsansätze und Verbesserungsvorschläge zu den bereits am ersten Arbeitstag identifizierten Problematiken ausgearbeitet.
Menschen mit Behinderungen übernehmen bei diesen Treffen, als Experten in eigener Sache, eine aktive Rolle und werden so von Anfang an mit in den Entscheidungsprozess eingebunden. Genau wie bei der Ausarbeitung der Behindertenrechtskonvention soll ihrem Recht auf Selbstbestimmung in höchstem Maße Rechnung getragen werden. Es soll auf diesem Wege sichergestellt werden, dass am Ende der Arbeiten ein realistischer und effektiver Aktionsplan stehen wird.
Bei der Vorstellung der Lösungsvorschläge am Ende des Arbeitstages wurde deutlich, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz zu echter Barrierefreiheit, und damit zur Gleichberechtigung von allen Menschen bei der Ausübung ihrer Menschenrechte und Grundfreiheiten führen kann. Barrierefreiheit muss endlich als sinn- und wertvolle Forderung für die Mehrheit der Nutzer erkannt werden und nicht ausschließlich nur für Menschen mit Behinderungen. Nicht nur öffentliche Gebäude sollen barrierefrei gestaltet werden, sondern auch private öffentlich zugängliche Gebäude, wie z.B. Geschäfte, Freizeitzentren und Restaurants, aber auch Sozialwohnungen. Neben dem Beseitigen baulicher Barrieren soll auch systematisch darauf geachtet werden, dass sensorische Orientierungshilfen und Informationen zur Verfügung stehen. Gemäß dem 2-Sinne-Prinzip sollen sie über mindestens zwei verschiedene Kanäle wahrnehmbar sein, z.B. optisch und akustisch oder taktil.
Der Ruf nach dem Erhalt und der Förderung von größtmöglicher Selbstbestimmung, Mitbestimmung und freier Lebensgestaltung zieht sich wie ein roter Faden durch alle angesprochenen Themen, vom Transport bis hin zur Bildung und zum Wohnen, um schließlich in der Forderung nach einer Überarbeitung des reformbedürftigen luxemburgischen Vormundschaftsgesetzes zu gipfeln: weg von der Bevormundung, hin zur Unterstützung und Betreuung bei der Entscheidungsfindung. Ein Kommunikationszentrum, in dem Interessierte z.B. Übersetzungen von wichtigen Dokumenten in Leichte Sprache erhalten, ein Behindertenbeauftragter und persönliche Assistenz, sind Vorschläge die, richtig ausgeführt, Potential haben, die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in hohem Maße zu steigern.
All diese Bemühungen sind jedoch nur die Hälfte wert, wenn das Problem nicht an der Wurzel gepackt wird. Der Abbau der Barrieren muss in den Köpfen beginnen. Ohne Bewusstseinsbildung, Schulungen, Informationsversammlungen und "Empowerment" von Menschen mit Behinderungen kann es keine dauerhaften Veränderungen und Verbesserungen geben.
Der Ball liegt jetzt bei den verschiedenen Akteuren: bei den Behörden, Betroffenen, Vereinen, bei der Gesellschaft als Ganzes, um Verantwortung zu übernehmen und proaktiv nach konkreten Lösungen zu suchen.
Vor dem nächsten Treffen, das am 1. Oktober stattfinden wird, werden sich die einzelnen Gruppen mit den zuständigen Ministerien treffen, damit Ende des Jahres ein "lebensfähiger" und effektiver Aktionsplan einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden kann.
Menschen, die aktiv an der Ausarbeitung des Aktionsplans teilnehmen möchten, können sich weiterhin beim Familienministerium melden.
Communiqué par le ministère de la Famille et de l‘Intégration