Es ist mir eine grosse Ehre und Freude den heutigen Kongress zu eröffnen. Luxemburg weiss die Auswahl als Tagungsort sehr zu schätzen. Mein Dank richtet sich an die Akademie Hagia als verantwortliche Veranstalterin und besonders an ihre Leiterin, Frau Dr. Heide Göttner-Abendroth, durch deren unermüdlichen Einsatz dieser Kongress zu Stande kam. Ich bedanke mich ebenfalls bei den zahlreichen freiwilligen Helfenden.
Sie, verehrte Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt, heisse ich herzlich willkommen zum Weltkongress: Gesellschaft in Balance.
Ist Gesellschaft in Balance das Resultat einer Gesellschaft, in der geteilt wird? Einer Gesellschaft, in der Macht, Rechte und Verantwortung aufgeteilt sind? Unser Motto in Luxemburg hierfür lautet schon länger "Gleichheit teilen" was zu einer Gesellschaft in Balance führen soll und in der das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ausgewogener werden soll.
Schön und gut mögen da einige sich denken, aber muss deswegen gleich ein Matriarchatskongress stattfinden? Wobei diejenigen, die solche Fragen stellen, oft eine vorurteilsgeprägte und klischeehafte Vorstellung von Matriarchaten haben. Aus unserer Arbeit zur Genderthematik wissen wir, dass Vorurteile hartnäckig sind und Widerstand entsteht, wenn wir daran rütteln. Nicht anders scheint es um die Matriarchatsforschung bestellt zu sein. Hier wie dort tut Aufklärung not. Hier wie dort besteht die Gefahr des Polemisierens, der Abwertung und des lächerlich machens. Diese Strategien, die diskreditieren und eine ernsthafte Auseinandersetzung verhindern oder blockieren, sind bekannt. Davon lassen wir uns nicht hindern ernsthaft an der Weiterentwicklung unser Arbeit und unserer Gesellschaften zu arbeiten und sie hier bei dem Kongress, indem sie das Wissen über Matriarchate zugänglich machen, weiterentwickeln und somit auch nutzbar machen.
Meine Überzeugung ist, dass ein Blick über den Tellerrand der heutigen Zeit und den Tellerrand Europas einen wichtigen Beitrag zur Wahrnehmung von Veränderungsmöglichkeiten im Zusammenleben der Geschlechter ergeben wird. Wenn die heutige Form der Machtverteilung zwischen den Geschlechtern nicht immer und überall so ist und war, wie das in unserer Kultur der Fall ist, so macht das Mut und erlaubt uns auch über den Tellerrand der eigenen und der anderen Geschlechtsrolle hinauszublicken. Ein gleichberechtigtes Zusammenleben der Geschlechter ist möglich. Die Matriarchatsforschung zeigt einige Formen auf, wie das funktionieren kann. Um noch ein Vorurteil klarzustellen, es geht nicht darum die Schraube der Geschichte zurückzudrehen und wieder als Sammlerinnen und Jäger zu leben.
Der Blick der Matriarchatsforschung kann Impulse geben zum Weiterdenken. Es ist Aufgabe der Politik diese Impulse an unsere heutigen Gesellschaften anzupassen. Die Politik schafft heute und jetzt Rahmenbedingungen und etabliert Strategien für die Weiterentwicklung von Demokratie, wozu Geschlechtergerechtigkeit gehört. Gender Mainstreaming ist eine sehr vielversprechende Strategie, da sie unterschiedliche Auswirkungen einer Massnahme auf Frauen und Männer schon bei der Konzeption analysiert, in der Durchführung konstant ausbalanciert und als Ziel faktische Gleichstellung hat.
Meine Vision ist weder ein Zurück zu Matriarchaten noch eine Beibehaltung von Partriarchaten. Es geht zukünftig darum eine Gesellschaft in Balance aufzubauen, in der öffentliche Ämter, finanzielle Macht, Einfluss, Verantwortung für Kinder und alte Menschen usw. von den Geschlechtern geteilt werden. Wir sind in vielen Ländern der Welt an einem Punkt angelangt, an dem mehr und mehr Männer und Frauen anfangen ihre Geschlechterrollen zu hinterfragen und das Verhältnis der Geschlechter gleichberechtigter ausrichten um partnerschaftlicher zusammenzuarbeiten und zu leben. Die Politik kann diese Entwicklung unterstützen, indem sie die notwendigen Rahmenbedingungen schafft und die Weiterentwicklung einer neuen Geschlechterkultur fördert.
Ein solches Zusammenleben ist Ziel des Projektes "Partageons l’égalité - Gläichheet delen - Gleichheit teilen" das vom Frauenministerium seit 1996 geleitet wird. In diesem Projekt setzten sich Vorschulkinder gezielt mit neuen Geschlechterrollen auseinander. Die methodische Herangehensweise, die geschlechtssensible Pädagogik, setzt folgendes voraus:
die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern sind veränderbar
die Geschlechterrollen unterliegen einer beständigen Entwicklung
die Geschlechterrollen haben einen historischen Hintergrund, sind durch soziale Faktoren beeinflusst
die Geschlechterrollen haben ihren Ursprung in unserer Kultur, welche einem Geschlecht mehr Macht zugesteht als dem anderen.
Die geschlechtssensible Pädagogik berücksichtigt die unterschiedlichen Verhaltensmuster und bietet individuelle Entwicklungsmöglichkeiten ausserhalb der traditionnellen Rollen an. Sie regt die Wahrnehmung der Geschlechterunterschiede an, bekennt sich jedoch gleichzeitig zur Gleichwertigkeit der Menschen. Sie bewirkt eine Veränderung traditioneller Geschlechterrollen in Anpassung an neue gesellschaftliche Herausforderungen und Verhältnisse.
Es geht darum Kulturen rückblickend zu erforschen. Es geht auch darum Entwicklungen zu antizipieren. Dies sind Aufgaben der Wissenschaft. Die Politik braucht diese Erkenntnisse um gesellschaftspolitischen Entwicklungen den Weg ebnen zu können.
Ich hoffe, dass dieser Kongress, nach seinem Motto, Botschaften für "ein neues Jahrtausend, eine neue Wissenschaft, eine neue Politik" freisetzt. In diesem Sinne wünsche ich allen Beteiligten und Teilnehmenden einen spannenden Austausch, interessante Erkenntnisse und viel Erfolg.